Jochen Hörisch

Der Rundfunk hat Sendungsbewusstsein

Der Rundfunk hat Sendungsbewusstsein
Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. So lautet ein vielzitiertes Wort des inzwischen (nicht etwa zu Zeiten, da er regierte) allseits geschätzten Altbundeskanzlers Helmut Schmidt. Das Wort des Realpolitikers, zu dessen Lieblingszitaten Max Webers Wort vom geduldigen Bohren dicker Bretter zählte, zielte polemisch auf Leute, die ihre Visionen politisch umsetzen wollten. Wäre es anders gemeint gewesen, hätten zigmillionen Menschen Ärzte aufsuchen müssen. Denn Visionen haben und genießen seit Jahrzehnten alle, die sich televisionär betätigen, also fernsehen. Übrigens hatte Helmut Schmidt auch einmal vorgeschlagen, einen televisionsfreien Tag pro Woche einzuführen. Dass wir alltäglich Visionen haben, Tele-Visionen zumal, nämlich Einblicke in ferne und fiktive Sphären, ist uns so gewöhnlich geworden, dass wir das Sonderbare daran nicht mehr wahrnehmen. Wer Stimmen hört, ohne dabei in der Nähe eines sprechenden Menschenkörpers zu sein, sollte gleichfalls zum Arzt gehen. Das ist über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg eine gut begründete Maxime. Die alten, die sehr alten, die homerischen Griechen wie Achill und Patroklos hören noch körperlose Stimmen, denen sie Vertrauen schenken dürfen, wenn sie in den Kampf ziehen oder sich verlieben (was mitunter ein und dasselbe sein kann). Schon den aufgeklärten klassisch-sokratischen Griechen aber war das Stimmenhören, der berühmte Dämon im Ohr, suspekt. Das gilt auch für die uns vertrauten religiösen Kontexte. Moses und Johannes trauen wir zu, die Stimme des Herrn zu vernehmen; und den Hirten auf dem Felde lassen wir es durchgehen, wenn sie in der Weihnacht himmlische Heerscharen hören, die Gott loben und preisen. Alle anderen (ob Jeanne d’Arc, Büchners Lenz oder seltsame Politpropheten) sind, nein waren verdächtig, wenn sie Stimmen hörten. Das hat sich gründlich geändert, seitdem es Tonaufzeichnungen, Telephon und Radio gibt. Man muss sich die ungeheure Irritation der Zeitgenossen vergegenwärtigen, die erstmals per Telephon Stimmen aus der Ferne hörten oder die gar mit Hilfe einer Wachswalze oder einer Platte die Stimmen von Verstorbenen vernahmen – und eben nicht halluzinierten. Jemanden oder auch nur sich-selbst-sprechen-hören, galt über lange Zeiträume hinweg als sicherstes Indiz von Präsenz. Für alle zeitlichen und lokalen Fernen war die Schrift oder das Bild zuständig. Auf einmal aber erklangen körperlose Stimmen aus einem Schalltrichter oder einem Telephonhörer. Und der Hörende brauchte sich nicht einzubilden, ein von Gott Erwählter zu sein; er musste sich aber auch nicht von anderen sagen lassen, dass er ein Psychotiker sei. Er hörte jemanden reden oder Töne erzeugen, der nicht gegenwärtig war – und war nicht besessen oder verrückt. Mit der Erfindung und Verbreitung des Radio, das anfangs so schön eindeutig Rundfunk hieß, wurde das Hören der Töne von Abwesenden zum Massenereignis. Dass es sich dabei um ein Ereignis handelt, das eine ursprünglich religiöse Erfahrung transformiert, wird schon durch die Begriffe gekennzeichnet, die die Sphäre des Radios umgeben. Der Rundfunk ist auf Sendung; auch das englische Wort ‚emission‘ macht aus seinen religiösen Ursprüngen kein großes Geheimnis. Medien und das frühe Radio voran haben Sendungsbewusstsein. Sie verkünden frohe oder auch prophetisch warnende Botschaften. Sie senden Töne, welche höher sind denn alle Vernunft. Es funkt, wenn der Rundfunk sendet. Die Töne kommen aus dem Äther und aus höheren Sphären. Der Sendemast gleicht dem Kirchturm. Und es kann bei diesen Tönen um Leben und Tod gehen. Denn der Rundfunk ist nicht nur religionsaffin, er ist überdies, wie viele andere Medientechniken auch, ein Abfallprodukt von Militärtechnologie, die seit den Material-, aber eben auch Strahlungs-Schlachten des ersten Weltkrieges über Leben und Tod von Abermillionen entscheidet. Der Rundfunk ist ein Abfallprodukt des Funks, mit dessen Hilfe Leute in Schützengräben und Panzern von Leuten, die dieses Geschäft nicht selbst übernehmen wollen, angehalten werden, andere zu töten. Der erste Weltkrieg hatte die Fortschritte der Funktechnologie gebracht, die dann nach Kriegsende den Rundfunk, also das Senden „an alle“ ermöglichten. Für die nächsten Jahrzehnte gilt, dass den Rundfunk haben muss, wer das Sagen haben will. Der Begriff ‚Medien‘ ist zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht so omnipräsent wie heute. Wenn er verwendet wurde, so zumeist, um ein spiritistisches Medium zu bezeichnen. Thomas Manns vor dem ersten Weltkrieg spielender und 1924 erschienener epochaler Roman Der Zauberberg handelt mit gutem Grund von technischen und von spiritistischen Medien – von Tod und Liebe sowieso. Aber auch Theoretikern wie Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer oder einem theologisch versierten Kopf wie dem von den Nazis ermordeten Philosophen Johannes Maria Verweyen (1883-1945) ist die eigentümliche Wahlverwandtschaft zwischen dem göttlichen Anruf, theologisch gesprochen: dem Kerygma, und den technisch geschalteten Stimmen aus dem Äther aufgefallen. Verweyen hielt gleich in den ersten Jahren, in denen der Rundfunk auf Sendung war, mehrere Radiovorträge, in denen er zu Themen wie ‚Lebenskunst – Das Wissen im Rundfunk‘ oder zur ‚Metaphysik des Rundfunks‘ sprach. Was der 1892 geborene Walter Benjamin über seine kindliche Faszination für das Telephon schreibt, gilt auch für das Radio: Ich war, so heißt es in der Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, „gnadenlos der Stimme ausgeliefert, die da sprach. Nichts war, was die unheimliche Gewalt, mit der sie auf mich eindrang, milderte.“ Diese Sätze gelten einer Epoche, die schon das Telephon, aber noch nicht das Radio kannte. Das Ohr, in das die Stimmen aus dem Äther dringen, ist die Kopföffnung, die wir anders als Mund und Augen nicht verschließen können. Wir sind zum Hören verdammt, wir müssen in einem sehr handfesten Sinne gehorchen. Ein Jahrhundert nach der Erfindung und schnellen Verbreitung des Rundfunks kehren die dämonischen Stimmen aus der griechischen vortechnischen Epoche massenhaft zurück. Abermillionen leiden heute unter Tinnitus. Sie können die Töne, die sie quälen und besessen machen, nicht mehr abschalten. Und sie ahnen nicht einmal entfernt, was diese satanischen Töne zu sagen haben. Zwischen den halluzinierten göttlichen Stimmen und den satanischen Tinnitus-Pfeifen ist das Radio seit 100 Jahren das Weltkind in der Mitten. Deshalb wird es nicht so bald verklingen.

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