Sau des Monats - 7.11.2010

Walter van Rossum

Die Krönung des Bundespräsidenten von Walter van Rossum Autor: Der Spiegel hat erhebliche Probleme in Sachen Auflage und An-zeigen. Insofern wurde es dringend Zeit, eine Welt einzurichten, die zuverlässig Interesse erzeugt. Wozu sonst sind Medien denn da? Deshalb berichtet der Spiegel seit geraumer Zeit von der deutschen Innenpolitik wie von einer endlosen Familiensoap, in der mal Westerwelle der Fiese ist, mal Merkel zickt, mal der Frei-herr nebst Gattin mit feindlicher Übernahme droht und die SPD dauerhaft den doofen Nachbarn mimt. Aber es muss auch Gute geben, gute Patriarchen zumal, und so einen wollten Spiegel und Bild im Juni endlich in die Soap schreiben, als der höchste wie-heißt-er-noch? sein Amt niederlegte. Er sah seine Würde in den Dreck der politischen Tiefebene gezogen. Bei der Kür seines Nachfolgers kam heilige mediale Erregung auf, denn schließlich war der Überraschungskandidat Joachim Gauck einer, der gera-dezu ungeniert das Aroma präsidialen Königtums verströmte und dafür vom Spiegel gleich aufs Titelblatt gehievt und ausgiebig gelobt wurde. Von Anfang an hatte Wulff als Präsident deshalb schweren Druck auszuhalten. Die Medien schmollten, weil sie einen König suchten und immer nur einen Politiker fan-den. Und so trommelte seit Wochen der Spiegel: Zit.: Die Macht des Bundespräsidenten sind die Worte. Er kann nicht regieren, aber er kann durch Reden Einfluss nehmen. Daran wird er gemessen. Autor: Das ist ziemlicher Quatsch, doch alle plappern es allen nach. Der Bundespräsident hat erhebliche Macht, doch Spiegel & Co su-chen nach einem freischwebenden Geist, der sie aus der Wut ih-rer Ratlosigkeit erlöst. Und ein Thema hatten sie auch gleich pa-rat: Zit.: Seit vier Wochen läuft in Deutschland eine gewaltige Integrati-onsdebatte. Wer hat sich noch nicht ausführlich geäußert, ob-wohl er die Integrationsfrage zu einem seiner wichtigsten Themen machen wollte? Christian Wulff. Autor: Seit Wochen hatte man ihm den Tag der Zeremonien der Wieder-vereinigung als Datum der Bewährung vorgeschrieben. Und so kam es: O-Ton: (Wulff) Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere jü-disch-christliche Geschichte. Aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Autor: Auf Gesänge dieses Ausmaßes hatten Politik und Medien seit Wochen gewartet. Weitgehend begründungsfreie Identitätsformeln aus dem Munde eines Mannes, der weiter schaut, der tiefer blickt, einer, der uns alle zu uns integriert. O-Ton: (Wulff) Wir können Stolz sein auf unsere wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen. Wir können stolz sein auf das soziale Klima in unserem Land, auf Toleranz, Kompromissfähigkeit und Solidarität. (…) Die Kraft zum Ausgleich, zum Verhandeln, zu einfallsreichen Lösungen, die Kraft zum Zusammenhalt, die Kraft zum Konsens – das ist Deutschland. Und darauf können wir stolz sein. Autor: Die Sache hat womöglich einen Haken: Wer um Himmelswillen konnte in diesen frommen Sätzen auch nur einen Hauch seiner oder unser aller Realität entdecken? Je versonnener Wulff ein WIR besang, so klarer wurde uns, dass wir das nicht sind. Politik und Medien hatten ihren Retortenkönig und wir wussten: Das ist nicht unser Reich.

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