TAZ Medientagebuch Juli/August 2011

David Denk

Was ist bloß aus dem Sommer geworden? Die Rede ist hier ausnahmsweise mal nicht vom Wetter - auch wenn der Dauerregen Thema genug für eine eigene Kolumne wäre. Wobei, wem wäre damit gedient? Worin bestünde der Erkenntnisgewinn? Aus dem Fenster gucken und dem Prasseln lauschen kann schließlich jeder selbst. Hier soll es um eine Begleiterscheinung von Sonnenschein und Urlaubszeit gehen, die in diesem Jahr konsequenterweise gleich mit ausfällt, Anfang September muss man wohl sagen: ausgefallen ist - das Sommerloch, auch Saure-Gurken-Zeit genannt. Das Sommerloch ist eine für Journalisten ambivalente Angelegenheit: Einerseits behelligt man seine Leser, Hörer und Zuschauer nur ungern mit aufgebauschten Nichtigkeiten, andererseits muss doch auch irgendwann mal Schluss sein mit dem Rattenrennen der Nachrichten. Zumindest für ein paar Wochen, damit Sender wie Empfänger dieser Nachrichten mal durchatmen und ihr Hirn durchlüften können. Lustigerweise spielen viele Sommerlochgeschichten der vergangenen Jahre genau dort, wo wir bei 35 Grad Celsius am liebsten sind: am Wasser bzw. darin. 1994 etwa machte der ausgebüchste Brillenkaiman "Sammy" eine Kleinstadt bei Düsseldorf unsicher -„Das Ungeheuer von Loch Neuss“ oder „die Bestie vom Baggersee“ nannten ihn die aus dem Sommerdämmerschlaf gerissenen Boulevardmedien. Die Suche nach Sammy trieb obskure Blüten: der damalige Innenminister von NRW setzte sich für das kleine Krokodil ein und ein eigens gegründeter Fanclub forderte die Abschaffung der Todesstrafe für Kaimane. Es folgten in der Reihenfolge ihres Auftretens: die Killerwelse Kuno und Hugo, der in einen Traktor verliebte Höckerschwan Schwani, die in ein Tretboot verschossene Trauerschwänin Petra und das Krakenorakel Paul. Auch in diesem Jahr gibt es ein Sommertier, die im bayerischen Landkreis Mühldorf verschwundene Kuh Yvonne - das dazugehörige Sommerloch ist aber irgendwie verloren gegangen. Die großen Medienthemen der vergangenen Wochen zeigten sich unbeeindruckt vom kollektiven Wunsch nach Urlaub, einer kleinen Verschnaufpause: In Großbritannien wird eine Zeitung eingestellt, weil die News of the World im großen Stil illegal Handymailboxen von Verbrechensopfern und Prominenten abgehört hat. Der Skandal bringt zunehmend auch den Medientycoon Rupert Murdoch und den britischen Premier David Cameron in Bedrängnis. Nächstes Thema: MDR-Unterhaltungschef Udo Foht wird suspendiert, weil er in mindestens einem halben Dutzend Fällen auf Senderbriefpapier Geld von Dritten eingetrieben haben soll - Amstmissbrauch lautet der Vorwurf. Und dann wären da noch das Urteil im Kika-Prozess, der zähe, mittlerweile beigelegte Tarifkonflikt bei den Tageszeitungsredakteuren und die Affäre um falsch abgerechnete Fördergelder bei der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. Fehlt noch was? Bestimmt fehlt noch was. Wenigstens auf den Axel Springer Verlag ist in diesen wechselhaften Zeiten Verlass. Nachdem das Springer-Boulevardblatt Bild in den vergangenen Jahren politische Schwergewichte wie Günter Nooke und Erwin Rüddel instrumentalisiert hatte, um gegen ARD und ZDF zu polemisieren, weil sie - kurz gesagt -für zu viele Wiederholungen zu viel Geld bekämen, werden in diesem Jahr größere Geschütze aufgefahren: 50 bis 60 Fragenkataloge zu rund 20 Themen soll Bild an die ARD gerichtet haben. Daraufhin machte das Gerücht die Runde, die ARD installiere eine "virtuelle Medienredaktion" zur Selbstverteidigung. Nein, eine Anti-Bild-Kampagne sei nicht geplant, erklärte die ARD. "Nervöse Zuckungen" erkannte die Süddeutsche Zeitung in diesem Dementi. Nichts ist mehr, wie es war, hieß es nach dem 11. September 2001, der in diesem Jahr auch schon zehn wird. Das gilt auch und besonders für das Sommerloch. Es ist weg, aufgefressen von permanenter Beschleunigung, und kommt wohl nicht wieder. Wer seine Ruhe will, muss sie sich nehmen. Und selber abschalten, wie es Peter Lustig den "Löwenzahn"-Zuschauern schon immer geraten hat. Aber bitte frühestens nach dieser Mehrspur-Sendung.

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