Wa(h)re Nachricht

Walter van Rossum

Walter van Rossum
Mohammed Bouazizi wurde 26 Jahre alt. Der junge Mann musste kurz vor dem Abitur die Schule abbrechen, weil kein Geld mehr da war. Er schlug sich als Gemüsehändler in dem Städtchen Sidi Bouzid in der tunesischen Provinz durch. Am 17. Dezember kam wieder mal die Polizei des Weges um ihren Anteil an dem kargen Geschäft zu holen. Doch diesmal verlor Mohammed Bouazizi die Nerven. Er übergoss sich mit Benzin und zündete sich vor dem örtlichen Polizeirevier an. Das war nicht das erste Mal, dass dergleichen in Tunesien geschah, doch diesmal wurde die Tat mit einem Handy gefilmt und ins Netz gestellt. Es kam fast überall zu spontanen Protestkundgebungen, und der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera nahm sich der Sache an. Und ab dem 20. Dezember kam in Gang, was man heute den arabischen Frühling zu nennen beliebt. Sage und schreibe fast drei Wochen später geruhte bespielsweise die Tagesschau den gewaltsamen und blutigen Aufstand der Tunesier gegen ihr Regime zur Kenntnis zu nehmen: O-Ton: (Tagesschau) Das war am 9. Januar. Bereits fünf Tage später musste der Diktator Ben Ali das Land verlassen. Man kann sich vorstellen, was in den Wochen seit dem 20. Dezember in Tunesien passiert sein musste, damit der Despot abdankte. Man hätte es aber auch auf Al-Jazeera mitverfolgen können. Unwahrscheinlich, dass deutsche Journalisten die Vorgänge nicht mitbekommen haben sollen. Doch fast wie verabredet halten die meisten deutschen Medien die Ereignisse in Tunesien für nicht der Rede wert. Es hat fast etwas Gespenstisches: Ab dem 9. Januar 2011 erscheint Tunesien auf der journalistischen Agenda – vorher schweigen die sogenannten Qualitätsmedien auf allen Kanälen. Wie darf man sich das vorstellen? Es sieht fast nach Gleichschaltung aus. Und es ist Gleichschaltung, allerdings nicht eine von oben per ordre de Mufti verfügte Gleichschaltung, sondern eine Selbstgleichschaltung – und das macht die Sache zumindest theoretisch sehr viel komplizierter. Es geht um mediale Wahrnehmungsrituale, die seit langem eingeübt sind, um Sprachregelungen. Tapfer haben unsere Journalisten seit Jahrzehnten die enormen, politischen, sozialen und humanitären Verwerfungen in Nordafrika ignoriert, um dafür beim leisesten Hüsteln von Islamisten umso lauter von der Bedrohung des Abendlandes zu orakeln. Dass es diesen Islamismus vielleicht nur deshalb gibt, weil das Volk unter den vom Westen gesponserten Diktatoren ächzt, solche Überlegungen passen nicht in einen von der Logik des politischen Konformismus geprägten Journalismus. Plötzlich musste das Publikum entdecken, dass die Herren Ben Ali in Tunesien, Mubarak in Ägypten und Gaddafi in Libyen üble Diktatoren waren. Und unsere Qualitätsjournalisten deckten noch Schlimmeres auf: O-Ton: (Plasberg) Seit fast 30 Jahren wird Mubarak von westlichen Politikern hofiert. Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte Mubarak „einen unverzichtbaren Faktor im Nahen Osten“, er „arbeite auf Maß, Vernunft und Frieden“. Kein Politiker von Rang, der nicht ähnlichen Wahnsinn vom Stapel gelassen hätte – ob es nun um Mubarak oder um Gaddafi ging. Die Sache hat allerdings einen entscheidenden Hacken: Kein Medium von Rang, das den Unfug nicht nachgebrabbelt hätte. Nur zur Erinnerung: Noch drei Tage vor dem Sturz Ben Alis bot die französische Regierung ihm die Entsendung von Polizisten nach Tunesien an: „um die Sicherheitslage zu regeln“. Wenn unsere Politiker mit diesen Fürsten der Finsternis freundlichste Beziehungen unterhielten, dann hat das bis Anfang 2011 kaum je ein Journalist für erwähnenswert gehalten. Ihre Mikrophone waren einzig auf angebliche Störgeräusche von Islamisten eingestellt. Was da im Dezember in Tunesien begann, das war einfach nicht vorgesehen in der gängigen journalistischen Weltwahrnehmung. Dass die angeblich politisch apathischen arabischen Jammerlappen binnen Kurzem fiese Diktatoren durch beherztes und kluges ziviles Engagement beseitigten konnten, hatten unsere Kommentatoren im Schulterschluss mit der Politik zuvor stets ausgeschlossen. Mag sein, dass die nordafrikanischen Diktatoren keine Demokraten waren, doch sie hatten das in den Augen des Westens viel größere Problem des Islamismus unter Kontrolle. Und wer sich darauf versteifte, dem musste natürlich auch entgehen, dass die meisten islamistischen Bewegungen durchaus demokratiefähig waren, dass sie die am wenigsten korrupten Politiker stellten und die islamistischen Gruppen sich meist durch hohen innerdemokratische Transparenz auszeichneten. Diese Art, die Welt wahrzunehmen, hat gewiss wenig mit der Qualität gemein, die Qualitätsjournalisten sich selbst gerne bescheinigen. Und mit Sicherheit spielt eine Rolle dabei, dass die meisten Journalisten sich den Luxus einer eigenständigen Wahrnehmung nicht leisten. Doch die wäre auch gar nicht erwünscht - ganz im Gegensatz zu den Beteuerungen der medialen Sonntagsreden. So wie sich der parlamentarische Raum in ein wirres Handgemenge der Mitte verwandelt hat, in dem die etablierten Parteien weitgehend austauschbare Positionen vertreten, so hat sich der mediale Mainstream den Gummiprinzipien dieser geisterhaften Mitte verschrieben. So lässt sich der Schein des Objektiven errichten. Und dieser Journalismus muss sich nie der Frage stellen, wie man denn mit journalistischen Mitteln Zeugnis von der Welt ablegen kann.

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