Wolfgang Hagen

Über das Kulturradio der Zukunft

Über das Kulturradio der Zukunft
Das Kulturradio der Zukunft. Von Wolfgang Hagen: Über das Kulturradio der Zukunft Kultur, sagte der Soziologe Niklas Luhmann einmal, sei der „schlimmste Begriff“, der je erfunden worden sei. Was unter Kultur genau zu verstehen ist, sei unglaublich schwer präzise zu fassen. Mit diesem Begriff ist denn ja auch schon genug Schindluden betrieben worden. So vor gut hundert Jahren, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als deutsche Kulturphilosophen in aller Schrecklichkeit behaupteten: Was wir unter Kultur verstehen, das ist das Deutsche, das sind Zucht, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Treue gegenüber der Obrigkeit. Die wahre Kultur der erhabenen Feierlichkeit, der alles andere sich zu fügen hat. Heute wissen wir: Kultur bedeutet zwar durchaus Wahrung von Tradition und Werten, zugleich aber auch Respekt vor der jeweils anderen Kultur. Die Eskimos essen anderes, die Inder tragen andere Kleider, aber alle sind wir kulturvolle Menschen. Popmusik und Klassische Musik sind kulturell gleichwertig, was nicht ausschließt, dass es in beiden Genres gute und schlechte Musik gibt. Kultur ist das Feld der Regeln, die Natur ist das Feld der Gesetze, sagt der Ethnologe Claude Levi Strauss. Über Gravitation lässt sich nur begrenzt streiten, die Regeln der Kultur aber sind der ununterbrochenen Kritik ausgesetzt, seit Samuel Pufendorf im 17ten Jahrhundert zum ersten Mal Kultur als Gesamtkonzept definiert hat. Und so kommt es eben am Ende des 20sten Jahrhunderts zu der Entwicklung eines ganz und gar spielerischen, performativen Kulturbegriffs, stark protegiert und mit Inhalten gefüllt von John Cage, der in diesen Tagen hundert geworden wäre. In seinem berühmtesten Klavierstück setzt sich der Pianist an den Flügel, schlägt die Noten auf und spielt – nichts. Traditionelle, normative, vergleichende aber auch spielerisch performative Züge sollte ein moderner Kulturbegriff schon aufweisen. Gemessen daran sind aus meiner Sicht die meisten Kulturprogramme der öffentlich-rechtlichen Anstalten Deutschlands defizitär. Sie enthalten, auf eine gewisse Weise zu wenig Kultur. Sie erreichen überdies zu wenig junge Menschen, was sicherlich auch am Medienwandel und veränderten Mediennutzungen liegt. Aber diese Veränderungen sind gleichfalls ein Effekt und damit ein Thema der Kultur. Nehmen wir nur die großen Kulturprogramme von NDR, SWR, Hessischem Rundfunk, Radio Berlin Brandenburg und Saarländischem Rundfunk. Es sind jeweils die einzigen Kulturprogramme, die diese Sender betreiben und sie spielen vor allem klassische Musik. So als bestünde Kultur nur aus Klassischer Musik. Das ist ungefähr so, als würde man in einem Informationsprogramm nur über Außenpolitik sprechen. Im Kontext der Formatierung von Musik, die seit ein paar Jahrzehnten die Radiolandschaft dominiert, ist allerdings eine Öffnung für weitere Musikstile in einem Radio-Kulturprogramm kein leichtes Unterfangen. Kultur ist nämlich für den jeweiligen Einzelnen immer eine ganz einseitige Sache. Jeder hält seinen Geschmack für absolut – und auch dieser Eigensinn gehört immer noch ohne wenn und aber zur Kultur. Würden wir dieser Entwicklung allerdings einfach nur zusehen, dann könnte es bald zuende gehen mit den Kulturprogrammen der ARD im Hörfunk. Sie würden mangels Hörerschaft fusioniert zu wenigen drei oder vier und das Problem wäre damit weitgehend erledigt. Die Alternative ist klar, aber schwierig: Moderne Kulturprogramme brauchen einen hohen Wortanteil und breite Musikstile, und also brauchen sie kluge und umfassend gebildete Radiomacherinnen, die den Menschen Kultur in ihrer Unterschiedlichkeit, in ihrer Vielfalt und Differenz wieder nahebringen können. Das hieße Investition in Manpower und Umsteuerung so mancher Ressourcen. Aber nur Mut: Ein Blick in die Kulturforen der Sozialen Netzwerke, auf You Tube und auf zahllose Kulturportale im Netz zeigt: das Potential ist da. Es fehlt nicht an Themen und nicht an Menschen. Kultur, sagt der amerikanische Anthropologe Clifford Geertz, ist das feine Gespinst von Symbolen, die wir brauchen, um uns vorzustellen, wie das Leben weitergehen soll, wenn es stockt. Und wie es scheint, ist bei uns derzeit Einiges sehr ins Stocken geraten.

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