Zu Besuch bei Europäern

24.10.2013

\"Neue Perspektiven" \"gut montiert\" \"welches Mikrofon haben sie benutzt?"\"der Erzähler war mir zu dominant"\ Nach der Diskussion wird spekuliert, wer die Preise bekommt. Ein schwedisches Feature gilt als heisser Kandidat und das französische Stück von gestern. Am Abend haben sich alle zum Abschluß des Hörens und Diskutierens erschöpft applaudiert. Zuerst waren wir bei einer Familie von Kontingentflüchtlingen aus Burma in Dänemark. Eigentlich waren sie Rumänien zugeteilt, das sich aber nicht um sie kümmerte, also flohen sie weiter in den Norden, wurden zurückgeschickt und flohen erneut. Hin und her - die Mutter bringt sich schließlich um. Die Familie gibt die Folie ab, auf der die Flüchtlingsproblematik in Europa erörtert wird. Dann begegnen wir zwei Frauen und einem Mann, die in Irland als Al Qida Terrorzelle auffliegen. Eine Internetbeziehung der drei. Einsame Menschen, auf der Suche nach Bindungen, die sie im www zu finden hoffen, aber in der Realität scheitern. Mein Favorit, aber in der Diskussion kam es nicht gut weg: der Erzähler: "geht ja gar nicht", "zu dick aufgetragen, weiß alles". Dann das lange Stück aus Portugal, die Flüchtlinge aus den ehemaligen Kolonien, aus Angola, die Mitte der 1974 via Luftbrücke nach Lissabon fliehen. Das Urteil des viel zu ausführlich Erzählten relativiert sich, als die Produzentin erzählt, daß sie mit dem Thema ein Tabu in Portugal verletzt habe. Der Kontext der Stücke ist eben wichtig, und wird viel zu selten genannt. Dass Ulrike Meinhof in Holland eine Rolle spielt, erfahren wir aus dem nächsten Stück. Es gibt sogar eine Oper über sie, die RAF-Terroristin wird musikalisiert! Wir lernen die Komponistin kennen. Und dann einen Präsidentschaftskandidaten aus Slovenien, der 1990 über 18% der Stimmen erhielt und 2 Jahre später ermordet wurde. Den schrägen Vogel, langhaarig und mit Affe auf der Schuler lernen wir über seine letzte Rede kennen. Minimalistisch, nur die Musik von Laibach. Paßt. Aber warum er ermordet wurde bleibt unklar, ebenso warum der Fall nicht aufgeklärt wurde? Stoff für ein weiteres Feature, dann in der Kategorie "investigatives Feature". Zum Schluß lernen wir schwedische Schüler kennen, die einen Aufstand proben. Auf Instagram wurde massiv gemobbt mit Fotos und Texten. Der Zorn richtete sich gegen eine falsch Verdächtigte, es gab Ausschreitungen, Prügeleien mit der Polizei, die vorher nicht eingriff, als Opfer sie einschalten wollten. Das Internet entwickelt ein Eigenleben, erfahren wir erneut, bringt Menschen zusammen und auseinander, die Realität hält dem nicht stand. Oder ist es umgekehrt? Fast mag man nicht drüber reden über die Schicksale. Aber professionell nehmen wir die Stücke auseinander, klären die Machart, verwerfen oder loben. That's Prix Europa.

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