Freier Fall

Feature von SuFranz

Dauer: 3:45 Minuten

Audio-Nr: #3405

Inhalt: Im Radio sagen sie gerade, fast die Hälfte aller Arbeitnehmer in Deutschland schlafe schlecht. Fast 40 % von ihnen führe das auf Belastungen im Beruf zurück. Und wie schlafen die Menschen, die gar keine Arbeit haben? Oder keine, von der man leben kann?

Schlagworte: KurzDoku 2017

Ereignis Ort: 10409 Berlin, Germany
Skript: Gesang Melodie Schlaflied La Le Lu Im Radio sagen sie gerade, fast die Hälfte aller Arbeitnehmer in Deutschland schlafe schlecht. Das zeige eine neue Krankenkassen-Studie. Fast 40 % von ihnen führe das auf Belastungen im Beruf zurück. Und wie schlafen die Menschen, die gar keine Arbeit haben? Oder keine, von der man leben kann? Seit ich Mutter bin, sind meine Einnahmen um 2/3 zurückgegangen. Gestern Abend bin ich mit meiner Tochter zusammen eingeschlafen und um Mitternacht wach geworden. Dann lag ich da. Nachts kommen die guten Dokus im Fernsehen. Die, bei denen die normal arbeitende Bevölkerung für gewöhnlich schläft. Als das spannende Programm vorbei ist, werde ich müde. Müde genug, um nicht mehr zu grübeln. Der Nachbar hätte jetzt bestimmt einen Kasten Bier geleert. Bin ich froh, dass ich nicht mein Nachbar bin. Drei Stunden. Dann... Kind Ich bin noch jung, sage ich mir, aber ich fühle mich gerade uralt. Und immer müde. Kind Meine Tochter ist immer wach. Mein Bruder hat eine gut bezahlte Arbeit, läuft bei ihm, sage ich mir. Wenn er sich nur nicht so kaputt arbeiten würde. Ich warte auf ein Burnout Jusqu’ici, tout va bien. Meine Cousine hatte schon eins. Sie hat viel Arbeit und ist alleinstehend. Das muss noch schlimmer sein. Jusqu’ici tout va bien. Heute ist doch fast jeder meistens allein. 54 % der Menschen in Berlin leben in Ein-Personen-Haushalten. Weniger als 5 von 1000 Einwohnern in Deutschland heiraten. Das kann auch an der Angst liegen, eine Bedarfsgemeinschaft zu bilden. Aber trotzdem. Jusqu’ici tout va bien. Wie schlafen bloß die Millionen, die in sinnlosen Maßnahmen beschäftigt werden. Die Geringverdiener, die Aufstocker, die erfolglosen Selbständigen, die Kranken? All die Unsichtbaren, die gar nicht erst in den Statistiken auftauchen? Weil das zu beunruhigend wäre für die, die noch an unseren Wohlstand glauben wollen? Bei der Bank wollte man mir in einem Beratungsgespräch neulich eine Berufsunfähigkeitsversicherung andrehen. Angeblich schätzen die Krankenkassen, dass in der Zukunft bei 40 % der jungen Arbeitnehmer mit einem Burnout zu rechnen ist. Ich habe kein Geld für so was. Ich bin auch kein Arbeitnehmer. Jusqu’ici tout va bien. Ich lese: Ilija Trojanow. Der überflüssige Mensch... Niedriglohn… Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung 2013 muss jeder vierte Beschäftigte mit einem Niedriglohn auskommen. Jeder vierte Beschäftigte! Prekariat… Laut Erhebungen der Wissenschaftler Klaus Dörre und Frank Deppe von der Universität Jena umfasst es (…) Ein Drittel aller Werktätigen in Deutschland und Japan! In Südkorea und Spanien (...) mehr als die Hälfte. (Die Zitate überlagern sich, die Stimmen verzerren, dazu setzt die Melodie des Schlaflieds wieder ein) Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit erhalten nur 34 von 1000 Hartz IV-Empfängern jemals wieder einen sozialversicherten Arbeitsplatz. Wer seinem behinderten Sohn einen Filterkaffee zubereitet, ist eine Null, wer seinem Chef einen Espresso serviert, ist ein Assistent. Es ist schwer, präzise Zahlen über da Anwachsen des Prekariats zu recherchieren, weil Arbeitsmarktzahlen und volkswirtschaftliche Statistiken just solche Erkenntnisse zu verschleiern suchen. Ich kann mich nicht konzentrieren und schlage das Buch zu. Mutter singt mit Kind: Bruder Jakob, unbeschwerte Stimmung. Jusqu’ici tout va bien. Mais l'important n’est pas la chute, c’est l’atterrissage!
Upload Datum: 08.04.2017

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Dokublog Autor SuFranz

Zum Autor: Susanne Franzmeyer ist gebürtige Berlinerin. Seit 2006 arbeitet sie als freie Rundfunk-Autorin, Regisseurin und Produzentin. 2007 schloss sie ihr Studium an der Freien Universität zu Berlin in Neuerer deutscher Literatur und Französischer Philologie ab inklusive dem Erwerb einer Zusatzqualifikation in Angewandter Literaturwissenschaft. Für ihr erstes Radiofeature für Deutschlandradio Kultur wurde ihr 2008 der Juliane-Bartel-Preis verliehen. 2008-2009 nahm sie als eine von 13 TeilnehmerInnen aus zehn europäischen Ländern an der EBU Master School on Radio Features teil. Unter dem Pseudonym Susius veröffentlichte die Autorin für EMI Music Publishing 2009 in Eigenregie ihr Album „Alles muss raus“.

Website: http://www.susannefranzmeyer.de

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