Der Kurator

In Sorge ums Radio

  Das Zeitalter der Kritik, wie wir es kannten, ist zu Ende. Auch wenn es keiner aussprach, könnte das ein Fazit sein des Symposiums während der ARD Hörspiel-Tage. Die Künstler interessiert Kritik nicht mehr (behaupten sie), die Kritiker betreiben sie als Satire (Philipp Walulis) oder im Plauderton (Stefan Niggemeier), die Kriterien für Urteile liefern Verkaufszahlen, Einschaltquoten und im Netz die Likes und Kommentare. Kritik ist eine Frage der Statistik. Oder doch nicht?   Je vielfältiger und unübersichtlicher die Angebote im Internet werden, je größer wird die Sehnsucht des Publikums nach Orientierung. Die Aufgabe des Kritikers wird scheinbar von Algorithmen übernommen, die Gewohnheiten in Empfehlungen verwandeln und aus Statistiken Urteile destillieren. Von Inhalten ist dabei nicht mehr die Rede. Diese Kritik braucht keinen konkreten Gegenstand, an dem sie selbst zu messen wäre, abstrakte Daten reichen ihr."Der Kulturkritiker ist tot"  stellt Frédéric Martel fest und fügt hinzu: „Es lebe die Smart Curation!“. Er hebt dabei auf eine neue Funktion des Kritikers ab, die eines Kurators, der als Gatekeaper, Bewerter und Empfehler fungierend passende personalisierte Angebote zusammenstellt, wie Algorithmen das auch tun. Smart curation  soll für ihn „das Potenzial der Maschine und dasjenige der menschlichen Kuration im Sinne eines «doppelten Filters» in ein besseres Verhältnis zu einander bringen.“ Wenn seine Kuration dabei transparent und diskussionsfähig bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden.   Übertragen ließe sich das auch auf das Verhältnis des linearen Radios zu den vielfältigen Audio-Angeboten im Internet. Vielleicht ist der Redakteur der Zukunft, der ein Programm zusammenstellt – wenn es denn nicht einem Algorithmus überlassen bleiben soll -, ein Kurator, der aus einem vielfältigen non-linearen Angebot das passende aussucht. Ich würde nicht so weit gehen wie Patrick Beauduin, Generaldirektor von Radio Canada, der meint: «Das Kerngeschäft eines audiovisuellen Anbieters, wie wir es sind, ist demnächst nicht mehr das Senden, sondern das Empfehlen oder Beraten. Wir werden Kuratoren sein.» (Zit. Nach Martel) Das sicher auch, aber nicht nur! Der Redakteur als Kurator wird die Ergebnisse seiner Empfehlung und Beratung auch in ein lineares Programm gießen, das er als Angebot zur Verfügung und vor allem zur Diskussion stellt, die im besten Fall selbst Teil seines Programms wird.   Die Konsequenzen könnten erheblich sein. In den Rundfunkanstalten würden Produktion und Kuration getrennt: die einen lieferten Inhalte in Form von Nachrichten, Konzerten, Hörspielen, Magazinen und Hördokumentationen, die anderen bedienten sich daraus und stellten ein lineares Programm zusammen. Produziert wird für verschiedene Ausspielwege, voran das Internet mit seinen Podcast-Szenen und Streaming-Diensten, aber auch für Tonträger und live events. Und der Kurator müsste sich nicht ausschliesslich bei den Produktionen des eigenen Hauses bedienen, schaut sich um, was sonst noch produziert wird in der freien Szene oder auch von kommerziellen Anbietern. Er stellt sein Programm aus allen Angeboten zusammen, die ihm verfügbar sind.   Ein solches kuratiertes Radio kommt dem nicht nachlassenden Bedürfnis der Hörer entgegen, Neues und Unerwartetes in einem darauf angelegten Programm zu entdecken. Das wird dann auch wieder stärker Teil eines neuen Kulturdiskurses werden können, wo und wie auch immer er stattfindet. Selbst Kritiker, seien sie smart oder nicht, werden sich dafür interessieren.  

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