Hans-Jürgen Heinrichs

Das gesprochene Wort und die Macht der Bilder

Das gesprochene Wort und die Macht der Bilder
Das im Radio gesprochene Wort hat größere Chancen, in Erinnerung zu bleiben, als der mit Bildern unterlegte Text im Fernsehen. Und dies trotz der Faszinationskraft des Visuellen. Natürlich überwältigen uns Bilder im Augenblick - Bilder des Schreckens ebenso wie Bilder des Glücks. Aber sie verschleißen sich auch, ihre Wirkung lässt durch die Wiederholung, das Serielle und Kumulative, nach. Auch an die Schreckensbilder, zum Beispiel aus Fukushima, aus Libyen, Ägypten und dem Jemen, gewöhnt man sich. Ich habe im Februar und März ein politisches Tagebuch geschrieben, jeden Tag die nationale und internationale Presse gelesen, bis in die Morgenstunden hinein Nachrichten geschaut und gehört, das Geschehen beschrieben und versucht, es in größeren geschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen zu deuten, am Leitfaden der Chronologie der Ereignisse in der arabischen Welt und in Japan. Nun musste ich feststellen, dass selbst Ereignisse, die noch vor wenigen Wochen in ihrer Dramatik nicht zu überbieten waren und von denen ich dachte, die Bilder würden mich über lange Zeit nicht mehr loslassen, bereits teilweise in den Hintergrund getreten sind. Demgegenüber haben die Radiosendungen und die Fernsehbeiträge, sofern sie vor allem Wortbeiträge waren, eine andere Wirkung hinterlassen und stärker dazu aufgefordert, das Geschehen in anderen als den medial vorgegebenen kulturellen Zusammenhängen zu reflektieren und selbst weiterzudenken, selbst aktiv zu werden. Die Bilder dagegen wirken oft lähmend. Resignierend sieht man dem Schrecken ins Gesicht. Eine Sonderstellung nehmen die Bilder aus Fukushima ein. Einerseits vermitteln sie immer noch, jeden Tag, eine existentielle Angst, wie bei der ersten Meldung am 11. März. Schließlich handelt es sich ja nicht um eine abgeschlossene Katastrophe. Andererseits: Wir können uns nicht wirklich einfühlen in die Dramatik, die uns die Bilder vermitteln: die übereinander gehäuften ehemaligen Luxusgüter (Häuser, Autos, Kühlschränke, Möbel, ja sogar Flugzeuge) bilden jetzt Müllhalden. Die wenigen Menschen, die sich noch einige Zeit in den Trümmern aufhielten und die ehemals vielleicht stolze Besitzer einiger der Gegenstände waren, sind nun nicht mehr zu unterscheiden von den Ärmsten der Armen, die sich vom Abfall der Wohlhabenden ernähren. Gerade dadurch, dass die Zeitungen und das Fernsehen immer mehr Bildmaterial und Aufnahmen, die den Eindruck absoluter Echtzeit vermitteln, liefern, verändert sich der Schock des ersten Augenblicks. Er löst sich auf in eine Abfolge von Bildern, die sogar in die Nähe eines Katastrophen-Spielfilms rücken. Die Distanz zum Geschehen vergrößert sich. Dies gilt auch für die Meldungen über die Anzahl der Vermissten und Toten: zu Anfang sprach man von fünfzig Toten. Fünfzig, dann hundert und hundertfünfzig waren noch vorstellbar, und man konnte sich leichter in jedes einzelne Schicksal einfühlen, als in die Schicksale von den jetzt gemeldeten zehntausend und zwanzigtausend und mehr. Die Radio- und Fernsehsendungen zu Japan und zur Rebellion in der arabischen Welt haben in nur wenigen Wochen eine Situation geschaffen, in der wir uns mit den Menschen und ihren Schicksalen in Ländern emotional verbunden fühlten, die wir teilweise zuvor überhaupt nicht weiter zur Kenntnis genommen haben. Die Medien stellen über Bilder und Wörter eine Atmosphäre her, in der sich Menschen, die sich nicht kennen, auf einmal einander nahe und über das, was wir Leben, Welt, Existenz, Sorgen, Ängste nennen, verbunden fühlen. Der festgelegte Ablauf von Sendungen hat sogar eine rhythmisierende Wirkung auf den Alltag der Menschen. Als das spanische Fernsehen in den 1980er, 90er Jahren amerikanische Sendefolgen (wie z.B. “Denver-Clan” oder “Dallas”) in das Vormittagsprogramm übernahm, änderte dies das Verhalten der Hausfrauen grundlegend: Ablauf, Länge und Thema der Gespräche beim Einkauf wurden ganz neu strukturiert. Die Medien bestimmen, was wichtig (also informationswürdig) und unwichtig (verschweigbar) ist. Sie versprechen Tagesaktualität, ja “Brandaktualität” - und, darüber hinaus, Weltorientierung und kosmopolitische Weite im Zeitalter der Globalisierung. Aber - und diese Erfahrung machen wir jeden Tag - sie schaffen es kaum noch, mit der Schnelligkeit der Informationen Schritt zu halten. Das Radio kann seinen Hörern nachhaltiger vermitteln, dass sie nicht nur Rezipienten sind, sondern mit jedem Bericht aufgerufen werden, den Text selbst, mithilfe ihrer eigenen Urteilskraft, weiterzuschreiben. Das Radio inszeniert weniger stark am Katastrophischen orientiert sein Programm. Sein Balanceakt zwischen Erregung - einer Erregung von Aufmerksamkeit und Anspannung angesichts von Krisenherden und Konflikten - und einer Entwarnung ist feinfühliger, sensibler. Das Radio kann nicht ausweichen auf Bildsequenzen, wenn die Wörter fehlen. Es arbeitet ohne Dekor und visuelle Arrangements. Ich gestehe aber ein, dass dies von den Rundfunkmachern und den Hörern eine größere Selbstdisziplin und auch Selbstbeschränkung fordert. Gerade bei der Berichterstattung zu den Ereignissen in Tunesien, Ägypten und Libyen, Jemen, Syrien und Bahrain und zur Katastrophe in Japan wollte ich immer wieder die Abläufe auch sehen, dem Drama ins Angesicht schauen. Dann aber hatte ich oft den Eindruck: Extremereignisse sind zu groß für die mediale Berichterstattung. Man sieht eine Flutwelle, die ganze Landstriche und Brücken wegspült, sogar Schiffe und Häuser wie Spielzeug mitreißt. Menschen fliehen in Panik aus ihren schwankenden Hochhäusern auf die Straßen. Es nimmt kein Ende, immer weitere Beben erschüttern Japan, Erdölraffinerien brennen und im Atomkraftwerk Fukushima bricht Feuer aus. So fing ja alles an. Der Moderator im Fernsehstudio fragt einen Reporter, was er glaubt, ob die Menschen Angst hätten oder ob sie gelassen reagierten, wie es die “Art” der Japaner sei. Zwischen den Bildern des totalen Schreckens inmitten der absoluten Katastrophe und der Sprache der Berichterstattung klafft ein Abgrund. Das Fernsehen liefert vielleicht authentische Bilder aus einer anderen, brennenden Welt und dazu versachlichte, distanzierte Kommentare aus der klimatisierten Welt der Studios. Das ist der Preis, den das Fernsehen für das Bilderangebot bezahlt. Das Radio hingegen muss kraft des Wortes Wirklichkeit so vermitteln, dass sich im Hörer die entsprechenden Bilder einstellen. Der Hörer wird dann selbst zum Produzenten der Bilder.

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