Norbert Bolz

Radio in Eigenzeit

Radio in Eigenzeit
Radio in Eigenzeit. Von Norbert Bolz: Das Radio ist das erste Massenmedium, das zu reflektieren begonnen hat – zunächst über die Folgen der Digitalisierung und jetzt über sein Verhältnis zur Internet-Kultur. Anders als die Printmedien und das Fernsehen reagiert das Radio auf die Herausforderung durch das Web 2.0 also nicht trotzig und hinhaltend, sondern offensiv. Es gibt nämlich drei Stufen dieser Reflexion: Erstens, das Radio selbst macht Online-Angebote. Das ist mittlerweile selbstverständlich geworden und gehört auch zum Repertoire anderer Massenmedien. Zweitens, und damit sind wir in der Gegenwart angekommen: Die Sender stellen sich darauf ein, dass viele ihrer Hörer das Radio zeitsouverän im Internet nutzen wollen. Und schließlich, drittens, zeichnet sich für die nahe Zukunft ab, dass die Hörer selbst am Programm mitwirken. Darauf komme ich gleich noch zurück. Es gibt also einen sehr deutlichen Trend vom Push-Radio zum Pull-Radio. Zu Deutsch: Die Sendungen werden den Hörern nicht mehr einfach nur vorgesetzt, sondern als Fülle von Optionen angeboten - Digitalisierung macht’s möglich. So wie wir zwischen vielen verschiedenen Sendern wählen können, können wir nun auch innerhalb eines Senders zwischen verschiedenen Programmen wählen – jeder hat seine eigene Mediathek. Es sieht also so aus, als würden die Radio-Aktiven die Macht übernehmen. Aktive Nutzung heißt Selbstselektion. D.h. es gibt keinen starren Zeitrahmen mehr, dem man sich fügen müsste. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wer selbst bestimmen kann, was er wann hören möchte, versäumt nichts mehr und wird nicht mehr mit Dingen belästigt, die ihn nicht interessieren. Diese zeitsouveräne Nutzung des Sendeangebots passt sehr gut in eine Gesellschaft, in der ein individueller Lebensstil vor allem an der Freiheit erkennbar ist, über die eigene Lebenszeit zu disponieren: Radio in Eigenzeit. Doch heißt das auch: Radio ohne Programm? Werden am Ende einfach nur noch Sendungen ins Netz gestellt, die dann beliebig abgerufen werden können? Ich glaube nicht an das programmlose Radio, wohl aber an ein virtuelles Programm der Sender, zu dessen Optionen dann natürlich auch das klassische Radio gehört. Dafür gibt es im wesentlichen vier Gründe. Zunächst einmal darf man im Rausch der Interaktivität nicht die simple Tatsache vergessen, dass Radio für die meisten Menschen ein wohliges Hintergrundrauschen bietet. Man schaltet ein, um abzuschalten. Man will nur ganz leicht angeregt werden – um anderes zu tun, oder um die Wonnen der Passivität zu genießen. Das ist das eine. Zweitens gibt es im Umgang mit Medien ein wichtiges Phänomen, das die Engländer „Serendipity“ nennen: Wie im Märchen die Prinzen von Serendip stoßen wir als Leser oder Hörer auf einen Schatz, den wir gar nicht gesucht haben. Es geht also um die zufällige Begegnung mit dem Faszinierenden. Hier kann gerade derjenige die schönsten Überraschungen erleben, der gar nicht genau weiß, was er sucht. Man lässt den Blick über die Büchertische der Buchhandlungen schweifen; man zappt durch die Fernsehkanäle; man lässt das Autoradio ziellos nach Sendern suchen – und bleibt dann irgendwo hängen! Drittens Agenda Setting. Das ist die klassische und auch in der Zukunft unverzichtbare gesellschaftliche Funktion der Massenmedien, nämlich die großen Themen anzusagen und ein Bild von der Welt zu entwerfen. Und schließlich viertens: Radio lebte immer schon von der Faszinationskraft dessen, was hier und jetzt geschieht. Live-Sendungen haben ihre eigene Aura der Präsenz. Und diese Echtzeit ist die einzige Zeit, die man nicht unter die Regie der Eigenzeit bringen kann. Aus all dem kann man etwas Prinzipielles über das Verhältnis von Massenmedien und Internet lernen. Die Prominenz des Internet sollte uns nicht dazu verleiten, den Tod der klassischen Massenmedien zu verkünden. Beide Welten, Massenmedien und Internet, haben eine Schwäche, die sie nicht mit Bordmitteln bekämpfen können. Das Internet hat ein permanentes Aufmerksamkeitsproblem, und die Massenmedien haben Schwierigkeiten, den Veränderungen des Kundengeschmacks zu folgen. Deshalb sind beide Medienwelten aufeinander angewiesen: Das Internet braucht die Massenmedien, um Aufmerksamkeit zu faszinieren, und die Massenmedien brauchen das Internet, um in Kontakt mit den Zielgruppen zu kommen. Dennoch ist klar, dass sich der Schwerpunkt der Mediennutzung in Richtung der Medienaktiven verschoben hat. Früher hat man beim Stichwort „Medien“ vor allem an Informationsverarbeitung und Informationsübertragung gedacht. Doch spätestens mit dem Welterfolg des Web 2.0 wurde deutlich, dass es den Menschen nicht primär um Information sondern um Kommunikation geht. Und heute steht ein weiterer Paradigmenwechsel bevor: von der Kommunikation zur Partizipation. Diese Paradigmenwechsel von Information über Kommunikation zur Partizipation werden die Zukunft des Radios, ja die Zukunft des Verhältnisses aller Massenmedien zum Internet bestimmen: Die Hörer mixen nicht nur ihr Programm, sondern sie machen es auch – wie wir das heute bereits im Verhältnis von YouTube und Fernsehen erleben. YouTube ist der Probelauf für die Zukunft des Fernsehens. Ähnlich könnte auch das Radio die Kreativität der Vielen abschöpfen. Namen wie „YouFM“ gibt es ja schon. Und es wird spannend sein, zu sehen, wie die Radio-Profis mit der narzisstischen Kränkung umgehen werden, dass alle Hörer kreativer sind als jeder Redakteur im Studio. Du bist die Zukunft des Radios. siehe: TAZ 9./10.10.2010

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