Radio Trans-Linear - Fünf Gründe, warum der Hörfunk nicht ausstirbt

Wolfgang Hagen

Wolfgang Hagen
  Wo anfangen? Ob wir in sechs Jahren “100 Jahre Radio in Deutschland” feiern werden? Aber ganz gewiss! Oder was die jüngst gemessenen 13 Prozent Jahres-Zuwachs in der Podcast-Nutzung bedeuten? Oder, was es heisst, dass 45 Prozent der Radiohörerinnen noch nie einen Podcast gehört haben? Oder dass zeitversetzt Radio hören, Stand 2016, nur 4 Prozent aller Bundesbürger täglich tun? Worüber reden wir?   Ja, es trifft zu, – Inhalte, Sendungen, Teile des Radios wandern aus dem Radio heraus. Aber das geschah immer schon, nur früher eben mit Tonbandgerät und Kassettenrekorder. Weil aber heute Downloads, Streaming, On Demand und Podcasts mit Leichtigkeit über Smartphones und Laptops laufen, wollen immer mehr Menschen, wie man sagt: “zeit- und ortsunabhängig” Radio hören. Oder ist das dann kein “Radio hören” mehr, sondern “Audios checken” in der “Podossphäre”? Deutschen Podcaster nennen sich ja heute schon ganz stolz “Podder”. Ein Podder, heisst es auf podcast.de, ist eine Person, die Podcasts anhört oder ansieht.   Über 700 regelmäßig produzierte private Audio-Podcasts gibt es in Deutschland, mal wöchentlich, mal monatlich ins Netz gestellt; doch sind das, was zeitversetzt gehört wird, überwiegend Radio-Sendungen, zumeist aus den 64 Radioprogrammen der ARD. “Ein Podcast”, so definieren es die Statistiker, die uns alle diese Zahlen geben, “ist ein Rundfunkbeitrag (Broadcast), der bei Bedarf abgerufen werden kann”. Gefährdet dieser Trend auf Dauer des Existenz des linearen Radios?   Dagegen sprechen fünf Gründe. Erstens die Paradoxie, dass das lineare Radio in seinen wichtigsten Teilen so linear nie war und nicht ist. Nur weil eins auf das andere folgt, muss nicht alles auch so gebaut sein. Erinnern wir uns an die Anfänge in Deutschland um 1930, als der Streit tobte zwischen jenen Hörspielmachern, die darauf bestanden, dass ein Hörspiel live, und möglichst in Kostümen, auf jeden Fall aber in linearer Echtzeit vor den Mikrophonen dargeboten werden müsse, und dagegen solche Radiomacher wie Hans Flesch und Walter Ruttmann aufstanden, die erklärten, dass ein wirkliches Kunstwerk niemals durch ein Mikrophon gezwängt werden könne, sondern Radio, wenn es Kunst bieten wolle, sie auf eigene Weise herstellen und produzieren müsse. Diese Linie setzte sich durch, und so werden heute praktisch jeder Beitrag, alle Features und Hörspiele, oft im Verhältnis 1 zu 50 vor-produziert. Wenn für ein Hörspiel von einer Stunde Länge sechs Produktionstage benötigt werden, kommt dabei ein Minuten-Verhältnis von 1 zu 48 Minuten nicht-linearer Produktionszeit heraus. Seit den Anfängen des Radio kommen nicht-lineare Produktionen ins Radio hinein, werden ein paar Mal linear ausgestrahlt, und dann weiter nicht-linear kopiert, zirkuliert, ausgeliehen oder verkauft. Wenn dem nicht so wäre, wenn alles immer linear und live gewesen wäre, hätten wir heute keinerlei Kenntnis von der großen us-amerikanischen Radio-Hörspiel-Geschichte von 1925 bis in den 1960er Jahre hinein. Alle die insgesamt 6000 Radio-Serien dieser Ära, mit ihren hunderten von Episoden, wurden überwiegend - damals auf Platte - vorproduziert, und sind deshalb noch heute im Netz und bei x verschiedenen Sammlern erhältlich.   Radio, und das ist der zweite Grund für seine aus meiner Sicht ungefährdete Zukunft, ist die Quelle für praktisch alle Podcasts und zeitversetzten Formate, die selbst nicht aus dem Radio stammen. Überwiegend sind es Gespräche oder Monologe, Lesungen, oder einfache Ton-Montagen, klassische Radio-Formen. Auch ihre Längen sind radio-typisch, eine halbe bis maximal eine Stunde lang.   Der dritte Grund: Noch nie waren so viele Radiosender zugänglich, linear gestreamt über das Internet. Geschätzte 50 Tausend Stationen weltweit; viele davon zeitversetzt und auch sendungsweise abrufbar. Das beweist die Gravitation und die Bedeutung des Mediums, das überall auf der Welt seine Kraft in den Regionen und noch mehr auf lokaler Ebene entfaltet.   Viertens: “Radio ist nicht etwas, es ist vieles”. sagt die Radio-Philosophin Salome Voegelin und fügt hinzu: “Radio ist nichts Unveränderbares, sondern es ist, was es ist, allein durch die Zuhörerinnen und Zuhörer. Radio erzeugt keine Gegenstände sondern Gebilde individueller Vorstellungskraft. […] Wenn der Radioton erst einmal ins Ohr des Hörers eingedrungen ist, kann kein gesellschaftlich konstruiertes Realitätsprinzip mehr die Bandbreite der Vorstellungen und Bilder des Hörens eingrenzen. Stattdessen erzeugt das Radio multiple Wirklichkeiten, immerzu - nomadisierend und frei schwebend.” Soweit Voegelin.   Radiohören ist trans-linear. Weshalb sein Medium, linear und nicht-linear, unvermindert große Zukunft hat. Digitalen Produktionsweise haben den falschen Professionalismus von gestern erledigt, so dass heute jede Frau und jeder Mann technisch tadellose Audioqualität zu geringen Kosten herstellen kann. Brechts Utopie von der Umkehrung des Distributionsapparates ist also der Realität nahe gekommen. Man muss sie jetzt nur zu greifen wissen. Das wäre der fünfte Grund, warum das Radio vermutlich eine eher unzerstörbare Zukunft hat.

Autor: Wolfgang Hagen hat im Merve Verlag begonnen, war lange Jahre Kulturredakteur bei Radio Bremen und im Deutschlandradio, heute Deutschlandfunk Kultur, in leitender Funktion, zuletzt auch in der Medienforschung. Außerdem unterrichtet und forscht er an den Universitäten in Berlin und Lüneburg im Bereich Medienwissenschaft.

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