TAZ Medientagebuch April 2011

TAZ-Medienredakteur Steffen Grimberg Das Medientagebuch Was für ein April. Da beginnt der Monat gleich am ersten mit einem Paukenschlag, den mancher lieber für einen Aprilscherz gehalten hätte. So wie den, dass Olli Dittrich neuer „Wetten dass“-Moderator wird. Aber nein. Alles leider echt: Am ersten April wird die Redaktion der Frankfurter Rundschau über ihr Schicksal informiert. In der Redaktion wird drastisch Personal abgebaut. Und das Blatt kommt künftig bis auf die Regionalteile aus Berlin, auch wenn es weiter Frankfurter Rundschau heißt. Damit endet eine Ära. Und deshalb bekommt die Berichterstattung über die Rundschau viel Platz in den nächsten Tagen: Das Schicksal des Traditionsblatts, das nicht mehr allzu viele lesen, lässt dann doch keinen kalt. Immerhin das zweite Ereignis am Ersten April ist fröhlicher: der begnadete Neuköllner und begabte TV-Kabarettist Kurt Krömer bekommt endlich seinen Adolf-Grimme-Preis. Auch kein Witz: Sechs mal war er schon für die wichtigste Auszeichnung im deutschen Fernsehen nominiert. Jetzt hat er ihn. Dass er sich bei der Preisverleihung von Thomas Gottschalk an die Wand spielen lassen muss – geschenkt. Gottschalk bekommt schließlich den Preis fürs Lebenswerk. Krömer ist noch jung. Und wir von der Presse haben was zum schreiben. Genau wie ein paar Tage später am 5. April: Das ZDF kauft die Fernsehrechte an der Fußball- Championsleague. Schnappt die europäische Königsklasse mal eben Sat.1 unter der Nase weg. Einigen Agenturen ist das sogar eine Eilmeldung wert. Der Streit zwischen öffentlich-rechtlichen Anstalten und den privaten Sendern hat endlich wieder ein neues Spielfeld: Darf das ZDF so etwas, wo die Privaten doch das Geld nicht mehr so locker sitzen haben? Natürlich, schließlich bedeutet gesunder Wettbewerb im Zweifelsfall besseres Fernsehprogramm. Und noch so ein Aufreger, nur 24 Stunden später: Ein deutscher Fast-Milliardär hat geklagt. Er will nicht auf einer Liste der reichsten Deutschen in einem Magazin stehen. Obwohl er durchaus ein paar Hundert Millionen Euro auf der hohen Kannte hat. Das Gericht sagt nun, die Öffentlichkeit dürfe sich sehr wohl für solch große Vermögen interessieren. Wir tun das aber nicht – die Geschichte taugt eher für eine kleine Meldung. Auch zu Beginn der zweiten April-Woche gibt es wieder viel für unseren Redaktions-Papierkorb: Der Vatikan will Anfang Mai 150 Blogger in seine heiligen Hallen einladen. Die katholische Kirche wolle vor allem deren Informationsbedürfnisse besser kennenlernen. Na dann viel Spaß. Auch Thomas Gottschalk macht wieder von sich reden: Er hat ein paar Schuhe von Liz Taylor ersteigert. Ob er die Pumps bei seiner letzten „Wetten, dass“-Sendung anzieht? Mit so etwas belästigt man seine Kundschaft nicht. Die interessiert sich hoffentlich mehr für die Frage, warum die japanischen Medien nach der Katastrophe von Fukuschima eigentlich genau so verdruckst berichten, wie die Manager des Atomkonzerns Tepco. Japans Presse ist die langweiligste der Welt, schreibt unser Fachmann – und tut sich schwer mit harten Nachfragen bei Politiken wie Konzernbossen. Am 10. April meldet sich Sabine Christiansen: Ausgerechnet sie kritisiert, dass im deutschen Fernsehen zu viele politische Talksendungen laufen. Sie hat gut reden: Sie wurde ja rechtzeitig ausgestiegen. So was taugt maximal für eine Glosse. Und dass der Münchner Kleinstsender Tele 5 am nächsten Tag stolz verkündet, auch er unterstützte die Olympia-Bewerbung der Bayerischen Hauptstadt? Wandert erst recht in den Redaktionspapierkorb, wo die Christiansen-Meldung noch liegt. Der 15. April schlägt wieder relevanter zu Buche: Der Saarländische Rundfunk hat einen neuen Indentanten. Thomas Kleist heißt der nach langem politischen Tauziehen gekürte Chef der zweitkleinsten ARD-Anstalt. Er tritt die Nachfolge des im Januar nach kurzer schwerer Krankheit verstorbenen Fritz Raff an. Wie der gehört Kleist der SPD an, die im Saarland gerade mal nichts zu sagen hat. Ein Beweis, dass die Vernunft in Rundfunkdingen doch manchmal über den Parteiproporz siegt. Und das ist unbedingt berichtenswert. Zwei Tage später erzählt Familie Eisenkolb aus Bruchsal einer Agentur, sie habe nun eine Woche lang auf Fernsehen sowie Internet verzichtet. Und das sei ganz schön schwer gewesen. Und rauscht bei uns in der Redaktion gleich ins Altpapier. Denn schließlich ist Re:publica, das große Bloggertreffen in Berlin: Aus Journalisten sollen "Projektmanager" und "Architekten der Informationen" werden, heißt es da von den Online-Kollegen. Und dass sich der Journalismus dem Internet anpassen muss. Schaun mer mal, wie Beckenbauer sagen würde. Das ZDF legt immerhin mit seinem Film "Wer rettet Dina Foxx?" am 20. April in Sachen Internet vor. Das Ganze ist halb Fernseh-Krimi und halb Online-Spiel: Ob Datenschützerin Foxx ihren Programmiererfreund Vasco um die Ecke gebracht hat oder nicht, entscheidet sich nämlich nicht in den 50 TV-Minuten des Films. Sondern muss von den Zuschauern und „Usern“ im Internet fertig gespielt werden. Darüber lohnt sich zu berichten, auch wenn der Ausgang noch ungewiss ist: Der wahre Mörder wird weiter Online gejagt. Nur das ZDF sieht sich jenseits aller virtuellen Spiele unsanft auf den Boden der Netz-Tatsachen geholt: Eine Website zur Sendung wurde von Hackern manipuliert, und die Daten – sind weg. Dann kam Ostern, Politik, Medien und Gesellschaft fuhren in Urlaub. Und die ARD zeigte den Zweiteiler „Gottes mächtige Dienerin“ mit Christine Neubauer, die dafür sogar vom Papst empfangen worden war. Und garantiert kein Thema für uns ist. Nur an dem nächsten großen gesellschaftlichen Ereignis kommen auch wir nicht vorbei: Die königliche Hochzeit in London, das Royal Wedding von Kate und William, legt alles lahm. Auch die Medien in der Ersatzmonarchie Deutschland. Kollege Papierkorb, übernehmen Sie!

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