Till Roenneberg

Radio im Rhytmus

Radio im Rhytmus
Till Roenneberg: Radio im Rhythmus Wir können heute Radio- oder Fernsehsendungen „on demand“ im Internet ab-rufen. Es stellt sich also die Frage, ob man in Zukunft überhaupt noch ein Tagesprogramm braucht, oder ob man nicht einfach – in regelmäßigen Abständen – die neue „Ausgabe“ einer Sendung ins Internet stellt. Gegen die Ausschließlichkeit dieser Zukunftsvision spricht vor allem unsere Sehnsucht nach Struktur. Tagesstruktur Vor etwa 50 Jahren bauten Jürgen Aschoff und sein Kollege Rüdger Wever im Max-Planck-Insitut in Erling-Andechs den Andechser „Bunker“. Zwei kleine Apartments im Herzen eines Hügels. In ihm stand die Zeit, wie wir sie kennen, still. Er war fensterlos, geräuschisoliert und gegen Vibrationen geschützt. Es gab keine Uhren, Radios oder Fernsehgeräte. Die Versuchspersonen lebten dort ausschließlich nach ihrer inneren Uhr, deren Tage meist 25 Stunden oder länger dauerten. Dennoch waren diese inneren Tage klar strukturiert – doppelt so lange Wachen wie Schlafen, drei Mahlzeiten und täglich zur gleichen Innenzeit ein längerer Besuch der Toilette. Nur dass dieses Tagesritual nun nicht mehr genau 24 Stunden betrug. Die meisten genossen diese Zeit der vollständigen Selbstbestimmung, aber sie zählten die Tage und sehnten sich nach der Struktur der Außenzeit. Sozialer Jetlag Innere Uhren offenbaren sich nicht nur im Bunker, sie begleiten uns auch im Alltag. Diejenigen Menschen, die im Bunker kurze Tagen leben, wachen im normalen Leben ohne Wecker morgens schon früh und ausgeschlafen auf (falls sie ihrer Veranlagung nach rechtzeitig ins Bett gegangen sind). Sie sind die Frühtypen, die Lerchen unserer Gesellschaft. Menschen mit langsameren Uhren schlafen später ein und wachen später auf (wenn man sie denn lässt). Der Wechsel von Tag und Nacht stellt alle inneren Uhren auf genau 24 Stunden. Dennoch, je langsamer die innere Uhr eines Menschen tickt, desto „eulenhafter“ ist sein Leben. Die Lerchen gelten als rechtschaffen und ein wenig langweilig, die Eulen als künstlerisch und ein wenig lasterhaft. Beide Vorurteile nähren sich aus der vorindustrialisierten Tagesordnung, haben die Urbanisierung aber überlebt, weil sie sich an einem gesellschaftlichen Ethik orientieren, die vorgibt morgens so früh wie möglich das Tagwerk zu beginnen und abends rechtzeitig ins Bett zu gehen. Die innere Uhr von Menschen, die nicht mehr unter freiem Himmel arbeiten, stellt sich auf immer spätere Zeiten ein, weil sie nicht mehr ausreichend von hellem Tageslicht gestellt werden kann. Unsere Arbeitszeiten haben sich dieser Entwicklung kaum angepasst, so dass die meisten Menschen unter der Arbeitswoche nicht mehr genug Schlaf bekommen, weil sie der Wecker aus dem „unfertigen“ Schlaf reißt. Aber auch wenn die Lerchen unter ihrem zu frühen inneren Schlafdruck leiden und die Eulen unter dem Diktat des Weckers, machen uns diese und andere Eigenschaften zu Individuen, aber nur im Vergleich zu anderen und im Bezug zu einer klaren Struktur, der Außenzeit. Sendung verpasst? Die Medien haben das Verrutschen der inneren Uhr zu späteren Zeiten längst mitgemacht und versuchen die Menschen zu immer späterer Nachtstunde zu erreichen, mit Inhalten, die den Eigenschaften und Vorlieben von Lerchen und Eulen entsprechen – vom Wandern bis Jazz. Die Möglichkeit, eine Sendung im Internet abzurufen zu können (längst nachdem sie gelaufen ist) ist eigentlich nur eine neue Form der alten Aufzeichnungskultur (mit dem Vorteil, dass mehr nicht hunderte von Aufzeichnungen ungesehen und ungehört im Schrank liegen). Sie erlauben uns, die Zeit zu überlisten. Menschen brauchen wie alle Lebewesen Struktur in ihrer Umwelt, sowohl räumlich als auch zeitlich. Sie erlauben uns die Welt zu erkennen, zu begreifen und vor allem auch vorauszusagen. Strukturlosigkeit macht uns Angst, gewohnte Strukturen zu überlisten hingegen macht uns glücklich. Dieses Glücksgefühl würde uns durch einen Wechsel vom Tagesprogramm zur Abrufkultur genommen. Aber selbst ein Abrufprogramm kann sich zeitlichen Strukturen nicht ent-ziehen, denn es müsste ja irgendwann ins Netz gestellt werden. Wer am Sonntag den Tatort verpasst hat, kann diesen „Fehler“ mittlerweile durch die Mediathek wieder gut machen. Würde der neue Tatort zu irgendeinem Zeitpunkt der Woche ins Netz gestellt, schafften die Netztechniker damit einfach nur eine neue Sendezeit. Die Tatortgemeinde würden die neue Zeitstruktur sofort erkennen, und die ARD-Server würden zusammenbrechen. Um das zu vermeiden, könnten sie die Sendung natürlich auch um vier Uhr früh in Netz stellen. Dann würden die extremen Lerchen die Sendung „live“ sehen und die Eulen sie am gleichen Abend runterladen – würde dies um Mitternacht geschehen, wäre es umgekehrt. Es würde sich also eigentlich nichts ändern. Wichtige Sendungen werden daher zu Zeiten ausgestrahlt, zu denen man die verschiedenen Zeittypen (von Lerchen bis Eulen) in einem mehr oder weniger ausgeprägten Wachzustand erreicht. Radio als akustisches Territorium Die Konkurrenz des selbst gewählten, herunter geladenen „Programms“ besteht bereits seit Jahren in Form von iPods und PodCasts. Doch wann bedienen wir uns dieser Möglichkeiten? In der U-Bahn, beim Joggen, oder auf dem Fahrrad – also immer dann, wenn die Strukturen unserer Umwelt vorübergehend daher und für unser Gehirn nicht so wichtig sind. Im Gegensatz dazu ist das Radio für viele Menschen ein akustischer Lebenshintergrund – im Bad, in der Küche, im Auto oder sogar am Arbeitsplatz. Dieser Hintergrund ist Teil der gewohnten Territorien (zu denen auch das Auto gehört), und muss daher wie dieses eine Struktur haben. Wir schenken unserer gewohnten Umgebung selten gezielte Aufmerksamkeit – außer wenn sich etwas verändert, wenn wir auf etwas aufmerksam werden, wenn wir über etwas stolpern. Dieses „Stolpern“ ist die wichtigste Aufgabe des Programmradios. Plötzlich fängt ein Stichwort, ein Satz, ein Thema oder ein Musikstück unsere Aufmerksamkeit - der Hintergrund wird zum Fokus und wir machen unmittelbare Erfahrungen, deren Inhalte wir nie im Internet gesucht und heruntergeladen hätten. siehe: TAZ vom 5.11.2010 Literatur-Tipp: Till Roenneberg: Wie wir ticken. Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben; DuMont Buchverlag, 312 Seiten; € 19.95

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