Die Wut in den Vorstädten

Feature von ecomedia

Dauer: 2:59 Minuten

Audio-Nr: #1011

Inhalt: Stimmungen und Stimmen aus den Pariser "Problem"-Vororten, woher kommt der Hass der Jugendlichen in den Pariser "Problem"- Vororten auf Polizei, Justiz und Staat - Gespräche mit Einwandererjugendlichen, Sozialarbeitern etc.

Schlagworte: Banlieue,Paris,Vorstadt,Einwanderer,Jugend,Migranten

Skript: Anmod: Vor vier Jahren brannten in den Trabantenstädte rund um die französischen Metropolen die Autos. Jugendliche lieferten sich tagelange Straßenschlachten mit der Polizei. Als Innenminister wollte Nicolas Sarkozy damals die Vorstädte von Paris, Lyon oder Marseille, die Banlieues, mit dem Hochdruckreiniger vom Gesindel befreien. Als Staatspräsident schlägt Sarko, wie ihn die Franzosen nennen, inzwischen etwas leisere Töne an. Seine Regierung hat Hilfe versprochen, Sozialprogramme und vieles mehr. Angekommen ist wenig. Das Pulverfass ist voll, die Lunte brennt weiter. Wer einen Job findet und es sich leisten kann, zieht weg. Die Armen bleiben. Robert Fishman hat sich in Gennevilliers und in Clichy sous Bois bei Paris umgehört. Dort begann vor vier Jahren die Revolte. Beitrag: 060 Atmo Rap, läuft unter dem Text weiter... Im neuen Jugendzentrum von Clichy sous Bois nehmen drei Jungs im Tonstudio ihren neuesten Rap auf. Mit dem Sprechgesang im rauen, oft gewaltlastigen Vorstadtslang drücken die Jugendlichen das aus, was sie in gesprochenen Worten nicht formulieren können. 068 ... Es gibt Leute, mit denen kannst Du nicht reden. Wenn wir denen erklären, woher unser Hass kommt, der ganze Ärger mit der Polizei, das ist denen völlig egal. Aber wenn wir das in der Musik sagen, hören sie zu. Und dann reden auf einmal alle drüber. Ist so. Das hilft. Manchen zumindest. Einige der Getto-Rapper sind bekannt geworden, manche sogar berühmt. Sie verkaufen CDs, geben Konzerte. Anderen hilft der Rap zumindest, ihre eigenen Erfahrungen als benachteiligte Migrantenkinder zu verarbeiten. Alee zum Beispiel aus dem bretonischen Rennes, Sohn algerischer Einwanderer: OT_01 Alee „allons enfants….“ läuft unter dem Sprechertext weiter Die französische Nationalhymne hat Chanson-Rapper Alee mit seiner Band „Die Neugeboren“umgeschrieben. Sprecher 2 „Los Kinder des Vaterlands, gehen wir gemeinsam für eine Nacht Los, Kinder dieses schönen Landes, gehen wir gemeinsam, für die, die man vergisst... . … Mit dem Titelsong ihres Albums „Allons enfants“ erinnern Alee et les Nouveaux Nés nicht nur an den arabischen Jugendlichen Malek Oussekine, den ein französischer Polizist in einem der tristen Pariser Vororte 1986 erschoss. Vergessen fühlt sich fast eine ganze Generation in den Vorstädten, den Banlieue der französischen Metropolen: November 2005: 3. Sprecher drunter: Atmo: Nachichtenticker Paris: Die französische Regierung hat über 25 Bezirke des Landes den Ausnahmezustand verhängt. Seit Tagen liefern sich Jugendliche in Pariser Vororten Straßenschlachten mit der Polizei. Die Ausschreitungen begannen, nachdem zwei Jugendliche am 27. Oktober auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückt waren. In einem Trafohäuschen traf die beiden vermutlich ein tödlicher Stromschlag. Atmo Archiv: Straßenschlachten und brennende Autos 2005 Das Unglück in Clichy sous Bois löste die heute nur noch „émeute“, Aufruhr, genannten landesweiten Jugendproteste aus. Bilanz im November 2005: Vier Tote, 217 teilweise schwer verletzte Polizisten, fast 5000 Festnahmen, mehr als 10.000 verbrannte Autos und rund 500 beschädigte Schulen, Postämter und andere öffentliche Gebäude. Atmo Archiv: Straßenschlachten und brennende Autos, Villiers 2007 unter dem Text November 2007 3. Sprecher drunter: Atmo: Nachrichtenticker Paris: Im Pariser Vorort Villiers le Bel kam es in der vergangenen Nacht zu schweren Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Ein Unfall hat nach Polizeiangaben die Krawalle ausgelöst. Ein 15- und ein 16jähriger seien auf ihrem Moped mit einem Streifenwagen zusammengestoßen. Beide Jugendliche starben noch an der Unfallstelle. Polizisten berichteten, dass sie aus der wütenden Menge auch mit Schrotgewehren beschossen worden seien. 130 Beamte seien zum Teil schwer verletzt worden. Atmo Lied „Allons enfants“ läuft unter dem Text weiter… Alee, der Chanson-Rapper aus Rennes, sucht musikalische Auswege aus der Gewalt. Gehen wir weiter, immer wieder“, singt er, „ohne die Fäuste zu ballen.“ „Lasst uns zusammenrücken, aber ohne jemals zu den Waffen zu rufen“, heißt es an der Stelle seines Liedes, wo das Original, die Marseillaise, die Bürger zu den Waffen ruft. Clichy sous Bois bei Paris, wo 2005 der Aufstand begann, gut vier Jahre danach: 060 Atmo Rap O-Ton 71 Nein, hier hat sich nichts geändert. Es ist schlimmer als vorher. Wenn ich sage, es ist schlimmer geworden, dann heißt das, dass sich nichts verbessert hat, es ist wie vorher. Canon, der große Schwarze am Mikrofon im neuen Jugendzentrum von Clichy klingt resigniert. Wünsche hat er trotzdem, an die Politik, an die Stadt. 72 Wir würden uns wünschen, dass sie was Sinnvolles machen: ein Kino, einen Bahnhof, aber was machen sie hier? Sie bauen nur neue Gebäude und dann bauen sie eine Polizeiwache. Und dann glauben sie, dass das die Jugendlichen beruhigen wird, im Gegenteil das macht alles noch schlimmer. Wenn Sie wollen, dass weniger Leute auf der Straße rumhängen, sollen sie doch ein Kino bauen oder ein Einkaufszentrum, dann können die Leute ausgehen, können sich amüsieren. Doch Präsident Nicolas Sarkozy, der 2005 das Gesindel aus den Vorstädten mit dem Dampfstrahler verjagen wollte, setzt lieber auf Repression. Es ist Wahlkampf. Im März wählen die Franzosen ihre Regionalparlamente. Da hat sich der Präsident wieder in den sogenannten schwierigen Vierteln, den Banlieues im Norden und Osten von Paris gezeigt. Der Nation verspricht er vor allem eines: Sicherheit. Zwischen heruntergekommenen, grauen Wohnblocks aus den 70er Jahren entsteht in Clichy eine neue Polizeiwache. 073 Es ist schlimmer geworden, noch schlimmer. Jetzt haben sie noch mehr Polizisten geholt. Das sind keine Polizisten, mit denen man reden kann. Sie kommen herein und schlagen sofort zu. Erzählt Rapper Canon. Auf dem Weg zum Tonstudio ist er mit seinen beiden Freunden in eine Polizeikontrolle geraten. 066 Canon Die haben ihm gesagt, er solle seine Socken ausziehen. Nur so, er hat nichts gemacht. Sie haben einfach gesagt, „zieh Deine Socken aus“. Dann hat er sie ausgezogen, musste er ja, lachen. Dann haben sie uns in Ruhe gelassen. Schikane? In manche Viertel trauen sich die Polizisten nicht mehr. Zu gefährlich. Die Beamten sind frustriert. Die Jugendlichen auch. Die meisten wollen einfach nur Normalität: Schule, Beruf, Anerkennung und Respekt statt Vorurteile. 81 Die Leute sagen, dass es die Dealer nur in den Vorstädten gibt. Aber schau dich mal woanders um, da ist es dasselbe, dort verkaufen sie Koks, andere Drogen. Koks und so ein Zeug findest du vor allem in den Städten der Reichen. Das wissen die Leute, aber sie behaupten immer, dass es das nur in den armen Vorstädten gibt. Das stimmt aber nicht. Weiß Rapper Canon. Den Widerspuch zwischen ihrem mühsamen Alltag und ihrer Sehnsucht nach Normalität bringt Ipek Özdemir auf dem Punkt: 045 Schülerin Ipek Özdemir, 17 Mit persönlich fehlt hier nichts, nur die Vorurteile stören mich und die schlechte Verkehrsanbindung. Ich möchte aber nicht, dass meine Kinder einmal hier aufwachsen mit dem Stigma des Vorstadtkinds. Wenn man zum Beispiel auf eine Bewerbung die Absenderadresse Clichy sous Bois schreibt, hat man damit automatisch einen Nachteil. Ich möchte, dass meine Kinder später studieren, so wie ich und dann möchte ich, dass sie auf ihre Bewerbungen zum Beispiel Paris als Adresse schreiben können. Dann haben sie es leichter. Wie fast alle hier ärgert sich Ipek über die Vorurteile, die den Kindern der Vorstädte überall in Frankreich entgegenschlagen. Die Medien berichten über Gewalt, Kriminalität und Randale. Dann verschwinden die Journalisten wieder. Ipek will es einmal besser machen. Sie will Journalistin werden. Am Collège Alfred Nobel in Clichy, gleich gegenüber der neuen Polizeiwache, macht die 17jährige demnächst ihr Bac, eine Art Abitur. Ein fast drei Meter hoher Gitterzaun trennt das Schulgelände von der Straße. Ein Wachmann kontrolliert, wer durch das schmale, offene Tor das Schulgelände betritt. Mit dem Zaun schütze sich die Schule vor Jugendlichen aus dem Viertel, die im Gebäude ihre Kämpfe austragen wollen. Das sagt die Direktorin. Unter den Schülern gebe es kaum Gewalt. Julia Selge unterrichtet Deutsch am Collège Alfred Nobel: 047 Deutschlehrerin Julia Selge ...... vorher sagte die Rektorin, dass die Gewalt vor den Toren der Schule aufhört, das empfinde ich nicht so. Für mich ist die moralische, die psychologische Gewalt, die ausgeht von den Schülern doch relativ stark, d.h. ich werde natürlich nicht angegriffen, aber es ist mir schon passiert, dass man mich angespuckt hat und es passiert sogar oft, dass Schüler meine Tür aufstoßen und mit dem Fuß in die Tür reintreten oder so was. ... Auch wenn Direktorin, Lehrer und Schüler Normalität beschwören, ist Schule in Clichy anders: 048 Deutschlehrerin Julia Selge Im Alltag für mich im Unterricht ist anders, ... dass ich einfach davon ausgehen muss, dass meine Schüler zuhause nichts machen oder nur sehr wenig, weil sie zuhause auf ihre kleinen Geschwister aufpassen müssen und kochen und was weiß ich einkaufen und alle möglichen alltäglichen Sachen erledigen müssen und für die Schule keine Zeit und auch keinen Raum haben.... Die Schule ist deshalb auch abends geöffnet. Hier können die Kinder in Ruhe lernen und ihre Hausaufgaben machen. 050 Deutschlehrerin Julia Selge ... Also sie sind, eben gerade weil sie ein so relativ reduziertes Privatleben haben, keine Reisen machen mit ihren Eltern und nicht ins Kino gehen, nicht ins Theater gehen und keine anderen, ... Kulturangebote haben, sind sie doch sehr froh, wenn man ihnen was anbietet und machen eigentlich alle mit. Also, sobald man ein Projekt vorschlägt, sind eigentlich alle begeistert. Je praktischer und lebensnäher die Angebote, desto besser kommen sie bei den Jugendlichen an. 052 Atmo Schule, Türen, Flure, Lehrwerkstatt Ich muss hier ein Brett ausschneiden Die Lehrwerkstatt der Schule bildet Jugendliche zu Elektrikern aus. Der Meister sieht trotz aller Mühen sehr viel Sinn in seiner Arbeit. 055 Werkstatt-Meister Am Anfang des Schuljahres sagen mir die Schüler „hier lerne ich eh nichts, ich werde nie eine Arbeit finden“. Mit der Zeit ändert sich das dann. Der Schüler lernt und lernt dabei sich selbst kennen. Schließlich bekommt er das Gefühl, ich bin etwas wert, ich kann etwas, ich weiß wie man zum Beispiel einen Motor zum Laufen bringt. Das sind Dinge die er hier lernt und die er zuhause einbringen kann. Da geht eine Steckdose kaputt. Dann sagt er, Mama, ich kann das reparieren. So sieht er, dass er in der Schule nützliche Dinge lernt. Hier habe ich das Gefühl, dass ich den Schülern wirklich etwas geben kann. Wer es schafft, die scheinbar so coole Fassade der Vorstadt-Jungs zu durchbrechen und ihnen Selbstvertrauen zu geben, hat sie gewonnen. Keine leichte Aufgabe. 004 Alexandre Guimond, Die Probleme der Jugendlichen, die den Aufstand 2005 ausgelöst haben, sind immer noch nicht gelöst: Wohnungsnot, berufliche Qualifizierung, Zugang zu Arbeitsplätzen, dafür braucht man ein Minimum an Ausbildung. Hier haben nicht mal die Hälfte der Jugendlichen einen qualifizierten Schulabschluss. Die sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Jeder zehnte erreicht überhaupt keinen Schulabschluss. berichtet Alexandre Guillemond, der in einer anderen Pariser Vorstadt, in Gennevilliers, mit Jugendlichen arbeitet, um sie vor einer kriminellen Laufbahn zu bewahren. Gennevilliers, nordwestlich von Paris ist arm, Clichy sous Bois, ein paar Kilometer weiter östlich im Département Seine-Saint Denis noch ärmer. Die Bewohner des Städtchens am Nordrand von Paris müssen mit durchschnittlich 9000 Euro im Jahr auskommen. Landesweit liegt das Pro-Kopf-Einkommen bei gut 28000 Euro. Von Inseln der Verarmung spricht Clichys Bürgermeister Claude Dilain. Diese breiteten sich wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft aus. 029 ... Den Krebs sieht man am Anfang kaum, aber schließlich ist er doch tödlich. Als Bürgermeister verlangt Dilain für die Bewohner von Clichy nur die Rechte, die anderen Franzosen auch zustehen. 030 Claude Dilain, Bgm. Clichy .... Für mich stellt sich die grundsätzliche Frage: Soll ich das Motto unseres Landes „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ von der Fassade unseres Rathauses entfernen? Glauben wir noch an diese drei guten Worte der französischen Sprache. Und wenn wir noch daran glauben, was heißt das im 21. Jahrhundert? Die Probleme sind über Jahrzehnte gewachsen. In den 50er und 60er Jahren strömten aus den ehemaligen Kolonien Arbeitskräfte ins Land. Die boomende Industrie brauchte Arbeiter. Weil Wohnungen in Paris knapp und teuer waren, bauten Staat und Privatunternehmen rund um die Hauptstadt gigantische Wohnblocks, möglichst schnell, möglichst billig. Anfangs waren die neuen Wohnungen gefragt. Arbeiter, Mittelschicht, Einwanderer, die sich die horrenden Mieten in der Hauptstadt nicht mehr leisten konnten, zogen in die Trabantenstädte. Die Mischung stimmte einigermaßen. Doch die billigen Bauten verkamen schnell. Die Infrastruktur wuchs nicht mit. Es fehlen Einkaufszentren Kinos, Theater und wie in Clichy bis heute – schnelle Verkehrsverbindungen. 84 Atmo Metro Warnton, losfahren Mit Bus und Bahn braucht man von Clichy nach Paris eineinhalb Stunden – für nicht einmal 20 Kilometer. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Die Armen bleiben zurück. Ganze Stadtteile sind inzwischen verslumt. Manche Jugendliche kennen niemanden mehr, der einen Job hat. 006 Alexandre Guimond Der Abbau der Industriearbeitplätze nach dem Ölpreisschock in den 70er Jahren hat dazu geführt, dass die Vorstadtbewohner hier immer ärmer wurden. Schon in den 50er Jahren konnte ein Arbeiterkind kaum beruflich und sozial aufsteigen. Und heute ist das noch schwieriger. Auch wenn der Zugang zu dem Hochschulen für viele Jugendliche leichter geworden ist.: Für die jungen Leute aus den Banlieues bleibt ihre Herkunft und ihre Wohnadresse ein Stigma, das sie bei Bewerbungen benachteiligt. Die Aufstände 2005 haben das Image der Vorstädte noch weiter verschlechtert. Erklärt Sozialarbeiter Alexandre Guimond Der Staat hat ein Umbauprogramm aufgelegt. In Clichy werden viele der alten Wohnblöcke abgerissen. Stattdessen entstehen neue Sozialwohnungen: kleiner, übersichtlicher, freundlicher, solider. Doch gegen Arbeitslosigkeit und Vorurteile helfen die Bauwerke nicht. In manchen Stadtteilen von Gennevilliers oder Clichy sous Bois sind vier von zehn jungen Menschen arbeitslos. Faktisch sind es noch mehr, weil sich viele gar nicht beim Arbeitsamt melden. Arbeitslosenunterstützung bekommt nur, wer mindestens ein Jahr lang Versicherungsbeiträge gezahlt hat. Und Sozialhilfe gibt es grundsätzlich erst ab 25. Zur Armut kommt die Ausgrenzung. Wer sich mit einer Adresse aus den so genannten Problem-Vororten bewirbt, hat schlechte Karten. Mit einem ausländischen Familiennamen sieht es noch schlechter aus. Josephine Kou hat dennoch einen Job in einem Schuhwerk gefunden. 014 Josephine Kou Ich hatte 2 Monate Probezeit. Mein Vertrag wurde nicht verlängert, obwohl mir meine Vorgesetzte ausdrücklich gesagt hat, dass ich meine Arbeit gut mache. Als Grund für die Kündigung haben sie angegeben, dass mein Benehmen und mein Auftreten nicht in das Unternehmen passe. Ich sei überheblich gewesen. Ich war am Boden zerstört, habe zwei Wochen lang fast nur geheult. Ein Einzelfall? 099 Hugues Vanderhaege In den Personalabteilungen der Unternehmen gibt es wirklich viele Vorurteile gegen junge Leute, die aus den benachteiligten Stadtteilen oder aus anderen Kulturen kommen. Meiner Meinung nach sind sie aber genauso qualifiziert und kompetent wie Bewerber aus besser gestellten Kreisen. weiß Hugues Vanderhague. Der Manager eines internationalen Konzerns hat sich für ein Jahr eine Auszeit genommen, um Jugendliche aus benachteiligten Vierteln als Pate ehrenamtlich auf ihrem schwierigen Weg ins Berufsleben zu begleiten. Atmo 119 Stimmen Bewerbungstraining Beim Verein „mozaik Ressource Humaines“ bietet Vanderhague mit einigen anderen Ehrenamtlichen aus der Wirtschaft Bewerbungstrainings für Jugendliche an. Drei Minuten haben die jungen Leute in simulierten Vorstellungsgesprächen Zeit, sich einer Auswahlkommission zu präsentieren. Atmo 123 Vorstellung der Jugendlichen überblenden Atmo 122 Vorstellung der Jugendlichen Hugue Vanderhague und seine Kollegen beobachten die Jugendlichen genau. Dann gibt es ausführliche Rückmeldungen. 126 Rückmeldungen 130 Atmo: Vorstellung, junge Afrikanerin, zu nervös, bricht ab Eine junge Frau ist so nervös, dass ihr vor Aufregung die Stimme wegbleibt. Sie kann nicht vor einer Gruppe sprechen und vor einem Mikrofon schon gar nicht. Hugue gelingt es mit seiner ausgleichenden Art, sie zu beruhigen. Andere klingen selbstbewusster. 141 Linda Mandy, 22 Ich habe zum Glück einen Namen, der nicht unbedingt ausländische klingt. Im Vorstellungsgespräch trauen sich die meisten nicht, danach zu fragen. Es ist schließlich verboten. Linda Mandy sucht eigentlich nur eine Praktikumsstelle. Wie alle in der Runde hat sie einen Hochschulabschluss und einige Zusatzqualifikationen. 139 Linda Mandy, 22 Was mir fehlt? Die Berufserfahrung. Eigentlich sollten Praktika ja dazu da sein dass man Berufserfahrung erwirbt. Aber ich habe das Gefühl, dass die Unternehmen Praktikanten suchen, um billig freie Arbeitsplätze zu besetzen. Insgesamt ist die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Die Kinder der „Banlieues difficiles“, der sogenannten schwierigen Vorstädte haben da kaum eine Chance. 142 Linda Mandy, 22 Ich habe schon den Eindruck, dass Jugendliche aus den Vorstädten, vor allem aus denen im Norden benachteiligen werden. Wir haben ein schlechtes Image. Viele halten uns für Straftäter. Dabei sind meine ganzen Freunde und Bekannte ganz normale junge Leute, die studieren, ernsthafte Leute die wie ich Praktika suchen um Arbeit zu finden. Eigentlich dürfte es das Problem in Frankreich nicht geben. Anders als Deutschland versteht sich die französische Nation als republikanische Wertegemeinschaft unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Wer hier geboren ist, ist Franzose. Hautfarbe, Namen oder Abstammung spielen – theoretisch – keine Rolle. Schon deshalb gibt es in Frankreich keine staatlichen Förder- und Integrationsprogramme speziell für die Kinder arabischer oder afrikanischer Einwanderer. Nach dem Gesetz sind sie ja Franzosen wie alle anderen auch. Die Regierung hat sensible Gebiete und Zonen mit besonderem Bildungsbedarf ausgewiesen. Staatliche Unterstützung bekommen nun Bewohner dieser geografisch bestimmten Territorien, zum Beispiel Clichy, Teile von Genneviellers und andere Orte in der Pariser Banlieue, die insgesamt rund zehn Millionen Einwohner zählt. Um der Diskriminierung bei der Stellenvergabe entgegen zu wirken, dürfen sich Arbeitsuchende nach französischem Recht inzwischen anonym bewerben – ohne Foto, ohne Namen, ohne Adresse. Theoretisch sind die Unternehmen verpflichtet diese Bewerbungen genauso zu berücksichtigen wie andere. Said reicht das nicht. Diskriminierung hat für ihn zwei Seiten. 109 Said Um beruflich weiterzukommen, muss man alle Türen öffnen, die sich öffnen lassen. Dabei muss man sich immer wieder motivieren und bereit sein, bis zum Ende durchzuhalten. Das Schlimmste ist, wenn man aufgibt. Mein Rat ist es, sich nicht wie ein Opfer zu fühlen und zu verhalten, seinen Ehrgeiz und seine Motivation zu behalten und an seinen Träumen festzuhalten. Said ist einer von denen, die es geschafft haben. Aufgewachsen in der Vorstadt Bondy östlich von Paris, wie Clichy in Frankreichs ärmstem Bezirk Seine-Saint Denis, Sohn marokkanischer Einwanderer, hat der kräftige junge Mann mit dem modernen Kurzhaarschnitt den Verein Mozaik aufgebaut. 107 Said Ich bin keine Ausnahme, nichts besonderes. Ich habe studiert. Jedes Jahr verlassen 15 000 junge Leute die Universitäten mit Diplomen allein in Seine Saint Denis. Hochgerechnet auf ganz Frankreich ergibt das ungefähr 150 000. Ich bin also wirklich nicht der einzige. Ich habe mich schon früh für das Personalwesen interessiert. Und habe mich dann sehr schnell darauf konzentriere. Dann hat mich sehr schnell die Frage der Diskriminierung interessiert, der wir alle ausgesetzt sind. Als Geschäftsführer des Vereins Mosaik geht es ihm darum, die Jugendlichen zu stärken und 114 Said ...Zeigen, dass man gute, geeignete Bewerber auch in den benachteiligten Stadtteilen findet und dass sie dann in den Unternehmen bestehen. Wenn ein Unternehmen die Erfahrung macht, dass ein Bewerber aus einem benachteiligten Stadtteil gut ist und vielleicht den Umsatz des Unternehmens um zehn oder 15% steigert, dann werden die anderen folgen. Manche Unternehmen haben inzwischen begriffen, dass es sich lohnt, auf die besonderen Bedürfnisse der Einwanderer und ihrer Kinder einzugehen. Zum beispiel die größte Supermarktkette des Landes: 106 Said Carrefour hat irgendwann verstanden, dass immer mehr Muslime in Frankreich leben. Und dass diese Menschen auch Verbraucher sind, die bevorzugt Produkte kaufen, die den moslemischen Speisevorschriften entsprechen. Seit kurzem also vielleicht 6,7,8 Jahren gibt es in den Supermärkten eigene Regale und Abteilungen für islamische Lebensmittel. Die Unternehmen machen damit Milliardenumsätze. Wer diese Kundschaft ignoriert, verliert sie an die Konkurrenz. Diversity Management heißt das neue Stichwort, Kreativität aus der Vielfalt. 105 Said Wir gehen davon aus, dass Unternehmen, die ihre Mitarbeiter immer aus dem gleichen sozialen und kulturellen Umfeld einstellen, auf lange Sicht ihre Kreativität verlieren. Eine Zeit lang kann das gut gehen. Unternehmen mit einer sehr homogenen Belegschaft entwickeln sich zunächst schneller und effektiver. Aber auf Dauer gehen ihnen die Ideen aus. Dann verlieren sie Märkte und laufen Gefahr, die Denkweisen und Gefühle möglicher neuer Kunden nicht mehr zu verstehen. Die Sozialwissenschaftlerin Jacqueline Costa-Lascoux beschäftigt sich am renommierten Nationalen Forschungszentrum CRN seit langem mit den Problemen in den Banlieues. Nebenbei engagiert sie sich in Jugendprojekten in Paris, Lyon und anderen Städten. Sie gibt Said recht. 151 Jaqueline Costa-Lascoux In den Schulen z.B. kommen die Mädchen gut zurecht. Aber viele Jungen haben eine Verweigerungshaltung gegen die Schule. Sie sind nicht motiviert und sehen die Klassenbesten als Kollaborateure mit der Mehrheitskultur. Dann kommt das Hauptproblem, der Übergang in den Beruf,... Also, die Gesellschaft diskriminiert diese Jugendlichen, die von vorneherein schon das Gefühl haben, dass sie hier sowieso nichts erreichen werden. Damit sind wir hier in Frankreich meiner Meinung nach in einer etwas explosiven Situation. ... Junge Männer ohne Perspektive, die sich von der Mehrheit der Franzosen abgelehnt fühlen, sind leichte Beute für islamische Fundamentalisten. 155 Jaqueline Costa-Lascoux Wie Sie wissen, leben ja viereinhalb Millionen Muslime in Frankreich. Es gibt inzwischen sehr einflussreiche fundamentalistische Gruppen die sich vor allem um die Jugendlichen kümmern. Und je verzweifelter die Jugendlichen sind, desto besser kommen die Fundamentalisten bei ihnen an. Sie versprechen ihnen das Paradies, Geld, Solidarität, Unterstützung. Dann erzählen sie den Jugendlichen, dass die Gesellschaft um sie herum, die westliche Gesellschaft, verdorben und lasterhaft sei, eine Gesellschaft ohne Moral. Auch Rapper Alee, inzwischen Anfang 30, sieht, dass sich immer mehr enttäuschte Vorstadt-Jugendliche arabischer Abstammung den Islamisten anschließen. OT_05 Atmo: Lied „Rue des Peines“ läuft unter dem Text.... Im Lied Rue des peines, Straße der Schmerzen, erzählt er die Geschichte eines Einwandererjungen, dem sie immer wieder sagen: „Hör auf zu träumen, Du wirst nicht weiter kommen“. Lied steht frei und läuft unter dem Text weiter „Ich wollte doch immer gegen den Strom schwimmen, aber schon an der ersten Biegung habe ich mich verirrt.“
Upload Datum: 09.01.2010

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Zum Autor: freier Autor, Journalist, Fotograf, Reporter, Entdecker, Spurensuche, sich-inspirieren- Lasser,

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