Erklärbär-Radio

RR #4 und Schluss: Stöber-Tour durch das RR-Audioarchiv

Das „internationale Radiokunst-Festival“ Radiorevolten ist jetzt seit gut zwei Wochen vorüber. Die Festivalfrequenz RevoltenRadio sendet nicht mehr, die Kunstinstallationen sind abgebaut. Aber im Internet geht es weiter, denn dort gibt es Mitschnitte der meisten Veranstaltungen – deswegen möchte ich Sie auf (m)einen kurzen Ausflug ins Archiv mitnehmen. Zunächst zwei willkürlich gewählte Beispiele:
 
Wer Fiepen, Surren und Statikrauschen mag, bekommt beim  Stück „Blanks“ knapp zwei Stunden Material zum Lauschen.
 
Bei Skálar FM #1 und #2 gibt es ein buntes Potpourri an Instrumenten, Elektronik und Raumgeräuschen auf die Ohren, bevor Anna Friz & Konrad Korabiewski mit ruhiger Stimme erklären, was die Stücke reflektieren sollen: Abgelegenheit.
 
Bei einigen der Stücke, die ich bislang gehört habe, sind auch Interviews mit den Schaffenden enthalten. Ich persönlich finde das wichtig, weil sich mir persönlich reine Audiokunst (die also nicht von einem Abspielszenario oder zusätzlichen Sinnen abhängt) nicht so schnell erschließt. Vielleicht suche ich auch einfach zu angestrengt nach Bedeutungen, weil die Ästhetik allein für mein Empfinden nur begrenzt trägt. Ja, ich kann etwas daran finden, rhythmisch schwellendes Statikrauschen und darüber komponierte Übertragungsartefakte zu hören. Im Vergleich zu abstrakter Videokunst, die ich häufig einfach verwirrend finde, immer noch ganz gut. Aber es rutscht schnell in den Hintergrund. Oder ist das sogar so gewollt? Jedenfalls hilft die Definition, welche quasi als Leitbild auf der Festival-Website prangt, dem Hörenden nur begrenzt weiter:
 
„Radiokunst [ˈʀaːdi̯okʊnst] (n, f) passiert, wenn das Radio zu viel Kunst getrunken oder die Kunst zu viele Radios geschluckt hat. Sie ist ein anarchisch-ästhetisches Element, das in Erscheinung tritt, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen. Die Radio Revolten bieten ihr einen perfekten Nährboden.“ [Quelle]
 
Plattformen wie Mixcloud (auf der die Mitschnitte liegen) zeigen auch einige aufschlussreiche Statistiken an. So wurden z.B. die oben verlinkten Stücke bislang jeweils 2-3 mal gehört (geklickt?), und haben 1-2 „Likes“ und „Shares“. Nicht gerade „viral“, aber vielleicht ein grundlegendes Problem von Audio im Netz? Andere berichten dagegen von hochfrequentierten Inhalten, die aber vor allem ihre überschaubare Länge (meist Teaser & Clips mit < 3min) und der eher journalistische Inhalt verbindet. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mache die Wichtigkeit eines Inhalts nicht an der Klickzahl fest. Aber in Zeiten, in denen gesellschaftliche Fragmentierung und Filterblasen reale politische Auswirkungen haben, würde ich den medialen Dialog doch gern mit mehr Leuten führen als den vieren, mit denen ich eh schon übereinstimme.
 
Klar, Radiokunst hat per Definition ein schmaleres Publikum. Mich verwundert allerdings, dass auch „klassische“ Sendungen bislang nur 7x geklickt wurden – denn es sind einige Kleinode darunter: Weniger „künstlerisch“ im engen Sinne, sondern eher musikethnologisch leiten einen Helen Hahmann und Sabina Mina in knapp zwei Stunden durch die sehr musikalische argentinische Nacht.
 
Vielleicht muss man die Aufzeichnungen der Radiorevolten aber vor allem aus einem anderen Blickwinkel betrachten – dem des Archivs. Der Menüpunkt auf der Website heißt ja schließlich „Audioarchiv“ … und in diesem Punkt legt das Radiorevolten-Festival zukunftsweisend den Finger in die seit Jahren diskutierte Wunde der offenen Archive: Selbst wenn sich nur eine überschaubare Anzahl Menschen für die Mitschnitte des Festivals interessiert, sind sie so doch weltweit, jederzeit und kostenfrei verfügbar. Kunst und Spezialthemen werden zugänglich, wenn auch vorrangig auf technischer Ebene. Manch einer mag das als Kommodifizierung von Klangkunst beklagen – ich sehe das positiv.