Wasser auf die Ohren - Kleine Geschichten aus dem Freibad

Feature von Schweden

Dauer: 9:57 Minuten

Audio-Nr: #4453

Inhalt: Ein heißer Sommertag ist für den 27. August 2016 vorhergesagt. 35 Grad im Schatten. Optimales Freibadwetter! Um 10:30 Uhr bin ich im Freibad mit Mikrofon und Aufnahmegerät und lausche in die Atmosphäre. Wir beginnen an der 100m Riesenwasserrutschbahn, flacken uns dann auf die Sitzfläche, breiten das Handtuch aus und beobachten das bunte Treiben im Wasser... und auf den Flächen - Wer genau hinsieht und beobachtet, entdeckt die kleinen Geschichten :-) Ein paar Fragen an den Bademeister Johannes Guthardt habe ich auch. Also... bitte schnell in Badehose, Short oder Bikini geschlüpft und den Kopfhörer auf die Ohren! Doch Vorsicht: Wasser schwappt ins Ohr ;-)

Skript: Text: Das kleine Mädchen hustet, Wasser drang in Augen, Mund und Nase. Die schwarzen Haare triefen. Wassertropfen oder Tränen, rinnen über ihre roten Wangen, sind nicht zu unterscheiden. Das Ende der 100m Rieserrutschbahn fordert schnelle Reaktion: Kopf nach oben strecken, sich gleichzeitig nach links abdrücken, um die Bahn freizugeben, dafür bleiben kaum 10 Sekunden Zeit. Es klappt nicht immer, die Wucht ist stark, gleicht einer Flutwelle mir mehreren Stundenkilometern Geschwindigkeit. Die blaue Röhre spült den nächsten ins Nichtschwimmerbecken, oder auch zwei oder drei, Kettenrutschen. Wasser schäumt, klatscht über dem nächsten Kopf zusammen, untertauchen. Die meisten rutschen auf dem Rücken, liegen, das gibt zusätzliches Tempo. Das kleine Mädchen sitzt am Beckenrand mit angewinkelten Beinen, sie trägt einen rosa Badeanzug und reibt sich noch immer die Augen. Aufmunternd lächelt Fisch Nemo auf ihren Schwimmflügeln, doch das scheint sie in diesem Moment nicht zu bemerken... Musik: Summer Sunshine 5 (Audio Network) Das Thermometer misst 28 Grad im Schatten, der Tag wird sommerlich heiß, 35 Grad im Schatten sind für diesen Donnerstag vorhergesagt. Die Uhr über dem Bademeisterpavillion zeigt 10:44 Uhr. 26 Grad warm ist das Wasser im Nichtschwimmerbecken, abzulesen ist das auf einer Anzeige direkt über dem Eingang, die meisten Badegäste empfinden das als nicht sonderlich warm, die erste Berührung ist ausgesprochen kalt, zumindest noch kurz vor 11 Uhr. An den Stufen ins Becken setzt eine ältere Dame vorsichtig einen Fuß vor den anderen, verzieht das Gesicht. Kühles Nass umschließt zuerst ihre Füße, schließlich Beine, wandert Zentimeter um Zentimeter über das Gesäß, höher und höher, kurzes Innehalten, ihre Hände gleiten durch´s Wasser, sie wird mutiger, berührt ihren Oberkörper, benetzt die Haut und verteilt das Wasser gleichmäßig auf Arme und Schultern. In diesem Moment spritzen Wassertropfen, drei Kinder spielen mit einem weiß blau aufgeblasenen Wasserball. Die Dame zuckt zusammen, der Ball saust knapp an ihren Ohren vorbei, trifft direkt vor ihr ins Wasser, sofort hechtet ein Junge dem Ball hinterher, nimmt dabei wenig Rücksicht auf die verdutzte Dame, die schaut grimmig, der Junge strahlt, schnappt sich den Ball, fixiert einen anderen Jungen und wirft den Ball erneut. Es riecht nach Sonnencreme, Chlor und Pommes. Die Imbissbude am Eingang läßt grüßen, schwimmen macht eben Hunger. Von der obersten Stufe der Terasse aus wirkt das Becken wie ein überdimensionales Wimmelbild, es erzählt unzählige kleine Geschichten. Von einem Papa zum Beispiel, der seine Arme weit ausbreitet und seinem Sohn andeutet zu ihm zu schwimmen. Die ersten Schwimmversuche sind unsicher, ängstlich stößt sich der Junge vom Beckenrand ab, strampelt in Richtung des Vaters, strampelt zu viel, kann sich nicht oben halten, nicht das Gewicht ausgleichen, taucht unter, taucht auf, fixiert den Vater, der fängt ihn auf. Musik Looking up 3 (Audio Network) Mitten im Becken treibt ein aufgeblasenes Kissen, eine Insel mit Palme. Ein Junge, vielleicht 14 Jahre alt, läßt sich die Sonne auf den Bauch scheinen, seine Augen sind geschlossen. Er bemerkt die beiden Jungs nicht, die sich der Pirateninsel nähern, einer legt seinen Zeigefinger auf den Mund und bedeutet dem anderen ruhig zu sein. Kommando: Taucherbrille auf die Nase und abtauchen. Sie schwimmen unter das Kissen und kippen es auf die andere Seite. Der Junge darauf hat keine Zeit überrascht zu sein, er bemerkt das Entern erst als es schon viel zu spät ist, das Wasser klatscht über ihm zusammen, Sekunden später ist er begraben unter der Insel mit Palme, fröhliches Gejohle. Eigentlich treiben jede Menge Utensilien auf der Wasseroberfläche: Eine grüne Schwimmnudel, eine blaue Plastikflasche Duschgel, ein aufgeblasener grauer Delfin, orangene Schwimmflügel und eine gelbe Taucherbrille. (Musik aus) Eine ältere Dame mit schickem Hut auf dem Kopf, gestikuliert wild mit den Armen, fuchtelt, schlägt nach etwas in der Luft. Eine Wespe umkreist sie aufdringlich, belästigt sie, schwirrt vor ihrer Nase und hat es auf den braunen Schokomuffin in ihrer rechten Hand abgesehen. Dieser Kampf wird zäh und kann dauern. Im Wasser zieht ein Junge mit blonden Haaren seine Wasserpistole auf. Die ältere Dame und er könnten sich verbünden, im Kampf gegen die Wespe und den süßen Muffin. Im Sechseckpavillion am Übergang vom Nichtschwimmerbecken zum Schwimmerbecken, beobachtet Johannes Guthardt die Ereignisse, die kleinen Geschichten im Freibad. Von hier oben hat er den besten Ausblick und sein Job gefällt ihm sichtlich: Johannes: Geilster Arbeitsplatz der Welt, sag ich nur! 35 Grad, was willst du mehr? Der geilste Arbeitsplatz der Welt. Johannes Guthardt trägt nur eine schwarze Short und Badeschuhe, ein durchaus lockerer Arbeitsdress. Er lächelt verschmitzt. Um 6 Uhr früh beginnt seine Schicht und dauert bis abends um 8. Das scheint ihm allerdings nichts auszumachen, denn Badleiter ist er leidenschaftlich und das Hauptberuflich seit 30 Jahren. Bei der Frage nach seinen täglichen Aufgaben gerät er ins Schwärmen. Johannes: Du hast halt den Kontakt mit den Gästen, dann das Wetter natürlich, du bist immer an der frischen Luft, der Job ist sowieso interessant, du hast Einblicke in Technik, Wasseraufbereitung und Schwimmkurse, Wassergymnastik, gehört alles dazu. Macht einen heiden Spaß. Zwei weiße Gartenstühle stehen vor dem Pavillion, auf einem sitzt lässig ein Student, über die Saison hilft er mit und ist ausgebildeter Rettungsschwimmer. Er beobachtet. Eine weitere Kollegin befindet sich auf Rundgang. Johannes: Wir haben ja momentan die Aufsicht über das Becken, du machst halt ständig deine Rundgänge, kuckst halt auf die Rutschen, dass da alles okay ist, dass da keiner staut, oder stehen bleibt. Dann hatten wir temporär Probleme mit Bienenstichen, also Erste Hilfe, da ist dann immer einer hier vor Ort, dass man einen Ansprechpartner hat wenn so was ist. Die Eingangstüre zum Pavillion ist immer offen. Drinnen steht ein Telefon, stecken Funkgeräte in der Ladestation, liegen Notizblock und Stifte, ein verstauter Notarztkoffer und ein Defibrillator, glücklicherweise hat ihn Johannes aber noch nie gebraucht, erzählt er und lächelt dankbar, auch musste noch keiner wiederbelebt werden, das wünsche er sich nicht. Hoffentlich müsse er nie ein Kind reanimieren, sagt Johannes und schaut ernst drein. Es sind eher kleine Verletzungen, an der Rutsche Haut aufgeschürft, da genügt in den meisten Fällen ein Pflaster, das schlimmste sei einmal ein Schlüsselbeinbruch gewesen – und ist heute schon irgendetwas passiert, möchte ich von Johannes wissen? Johannes: Bis jetzt noch nicht, alles ruhig, alles gut, das wird erst später kommen, wie gesagt das meiste ist was wir die letzten Tage hatten waren Bienenstiche. Es gebe noch viel zu erzählen und zu beobachten. Aber an dieser Stelle drücke ich erst mal wieder auf die Stoptaste meines Rekorders, und packe meine Sachen zusammen und schlendere so langsam aber sicher in Richtung Ausgang, vorbei an den Tischtennisplatten, den Duschen, Toiletten und am Ausgang liegen auf einem Wühltisch noch gebrauchte Bücher, natürlich gratis. Klick .-.-.-.-.-.
Upload Datum: 11.08.2019

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Zum Autor: Andreas Fritz... noch neu hier... Radio-Feature sind klasse :)) Brötchen verdiene ich als Triebfahrzeugführer bei der Deutschen Bahn. Georges Perec ist mein Vorbild (Buch: Der Versuch einen Platz in Paris zu erfassen). Mit Aufnahmegerät, Notizblock ziehe ich los, notiere, was ich sehe, nehme auf, was das Mikrofon fängt. Texten, Basteln, Komponieren. Welches Projekt mache ich als nächstes?

Website: http://www.kopfkino-fritz.de

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