Das Gespräch schließt Lücken - Eine Replik

Feature von FrauNora

Dauer: 8:31 Minuten

Audio-Nr: #4936

Inhalt: "Schluss mit dem Gequatsche" fordert Feature-Autor Tom Schimmeck in der Sendung vom 14.6.2020 und bietet beim Audiocamp einen Workshop unter dem Titel an. Allein der Titel "Über Gequatsche im Podcast" erregt die Gemüter der freien Podcast-Szene. Bis Tom Schimmeck eingeordnet hat, dass er das nur auf journalistische Formate bezieht, ist das Kind längst in den Brunnen gefallen. Zeit für eine Replik, die dem von Podcast-Hörer:innen heiß geliebten Format des "Laberpodcast" sein Krönchen wieder zurecht rückt. Und trotzdem einer Forderung zustimmt: Podcast kann mehr. Lasst uns Radiomacher:innen das Gespräch auf ein neues Level heben.

Schlagworte: Podcast,Podcasting,Laberpodcast,Replik

Ereignis Ort: Köln, Nordrhein-Westfalen, Germany
Skript: Das Radio auf der einen Seite, die Podcaster:innen auf der anderen. Seit Jahren bemühen sich die freie Podcast-Szene und einige Journalist:innen, diesen Graben zuzuschütten. Aufeinander zuzugehen, miteinander neue Formate zu entwickeln, voneinander zu lernen. Das erste Mal 2016 auf der 8. Subscribe-Konferenz in München. Die Subscribe ist eine Art Podcaster:innen-Klassentreffen der freien Szene. Dort werden Entwicklungen in der Podcast-Landschaft analysiert und vorgestellt, gemeinsam Workshops veranstaltet, und Tipps und Tricks zu Aufnahme, Technik und Verbreitung ausgetauscht. Im Herbst 2016 das erste Mal in den Räumlichkeiten des Bayerischen Rundfunks. Podcast meets Radio war das Motto. Und selten habe ich auf einer Konferenz so viel Offenheit, Neugier und Wertschätzung erlebt, wie dort. Die Workshopankündigung von Feature-Autor Tom Schimmeck hingegen klingt - ich sags, wie es ist - wie ein Schlag in die Fresse all jener, die sich bemühen, qualitativ gute Inhalte zu produzieren - egal auf welcher Seite. Moderatorin Christine Werner: "Er hat einen Workshop vorgeschlagen: Schluss mit dem Gequatsche, wie werden aus guten Geschichten, Recherchen, Analysen oder auch brillantem Unfug tolle Podcasts." Die Überschrift zu diesem Gespräch auf der Website "Über Gequatsche im Podcast" hilft auch nicht so richtig, das Ganze zu deeskalieren. Und spätestens bei diesem erklärenden Satz von Tom Schimmeck haben zahlreiche Podcaster:innen mächtig Puls: Tom Schimmeck: "Man hörts ja schon ein bisschen an der Formulierung: Es nervt, mit den Podcasts. Ich finde, es nervt wirklich." Da hilft es auch nicht wirklich, dass er wenig später dann doch noch differenziert: Tom Schimmeck: "Grade bei den journalistischen Formaten und nur über die rede ich jetzt mal, weil natürlich ist es völlig OK, wenn sich irgendwelche Menschen zwecks gemeinsamer Erleuchtung vor ein Mikro hocken und über irgendwas reden …" Wo ist das Problem? Nun, fangen wir damit an, dass es in Deutschland seit über 15 Jahren eine sehr aktive Podcaster:innen-Szene gibt, die sich intensiv mit gutem Klang auseinandersetzt und Menschen befähigt, ihre eigene Stimme zu finden. Eine Leistung die nur selten Beachtung und Würdigung findet. Vor allem von jenen, die im Hörfunk ihr Geld verdienen. Tom Schimmeck: "…aber wenn’s um journalistische Aufklärung geht, find ich es einfach wahnsinnig traurig, wenn das auf Dauer darauf hinaus läuft, dass zwei Leute mit ner mittelguten Idee sich vor ein mittelgutes Mikrofon setzen und drauf los reden." Und gehen wir an dieser Stelle weiter zu jenen Journalist:innen, die in den letzten Jahren privat Podcast-Projekte gestartet haben, weil es dafür in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten weder Interesse noch Geld gab. Man sendete ja schließlich im Radio. 
 Was die freien Journalist:innen dann produziert haben, war nicht einfach "irgendwas". Viele Podcast-Projekte haben Lücken gefüllt. Weil in ihnen Themen besprochen wurden, die in den Medien so gut wie nie vorkamen. Da wurden im Gespräch Räume eröffnet, die es so in der deutschen Medienlandschaft vorher schlicht nicht gegeben hat. Und die waren und SIND nicht nur inhaltlich, sondern auch handwerklich richtig gut gemacht. Diese Podcasts haben sich ihr Publikum selbst erschlossen. Ohne Sender oder Medium im Rücken. In der Podcastwelt ist "Laberpodcast" übrigens überhaupt nicht negativ gemeint. Und in der noch sehr jungen Podcast-Wissenschaft findet sich diese Kategorie auch unter "Sprechendes denken oder Denkendes Sprechen" wieder. Das ist - mit Verlaub - hoch philosophisch. Tom Schimmeck: "Es gibt einerseits natürlich den Podcast aus unserem Metier im Radio …" … der bislang in aller Regel eine zusammengeschnittene Radiosendung war, die zum Runterladen auf entsprechenden Podcast-Plattformen zur Verfügung gestellt wurde … Tom Schimmeck: "… die sich immer schon auch mit Umsetzung von Klang und Sprache und Geräuschen und so weiter beschäftigt haben …" und ja, die klingen gut. Ohne Frage. Aber oft auch sehr gewollt. Wie zum Beispiel die unglaublich wichtige wie gut umgesetzte Recherche von Margot Overath zum Fall Oury Jalloh und den Toten des Polizeireviers Dessau. Was für ein Podcast Projekt! Nur warum darf die Autorin, die in der Ich-Perspektive erzählt, nicht selber sprechen? Sondern bekommt ihre Stimme von einer sehr professionell und jung klingenden Profi-Sprecherin? Da sagt jemand "Ich", die nicht "Ich" - also die Autorin selbst - ist. Klingt super, aber komplett unauthentisch. Ich persönlich möchte hier die Autorin hören. Stattdessen wird dem guten Klang, der professionellen Sprechkunst der Vorrang gegeben. Tom Schimmeck: "… dann gibt es ganz viele Leute, auch bei honorigen Medien, meistens aus dem Printbereich, die darüber glaube ich noch nie nachgedacht haben." Das mag sein, dafür aber haben die einfach mal Podcasts gemacht, während sich das Radio damit begnügt hat, Radio zu sein und tollen Klang zu produzieren. Beim Podcasten geht es nämlich nicht nur um den tollen Klang. Es geht um Nahbarkeit. Ums Menschliche. Tom Schimmeck: "…und denken, es ist dann cool, wenn man sich dann hinsetzt und mit dem Korrespondenten zum Beispiel, irgendnem Redakteur oder irgendeiner Fachkraft, welcher Provenienz auch immer, dann über irgendwas einfach redet." Dieses "irgendwas" lässt sich ganz häufig mit Transparenz übersetzen. Das mag jemandem komisch vorkommen, der schon lange im Mediengeschäft unterwegs ist, aber: So viele Menschen haben keine Ahnung davon, wie Journalismus funktioniert. Wer die Menschen sind, die uns schreibend oder sprechend die Welt erklären. Und gerade da, wo Texte geschrieben werden, hilft das hintergründige Sprechen über die Texte und ihre Entstehung, den Prozess nachzuvollziehen und Vertrauen wieder herzustellen. Tom Schimmeck: "Also für mich - und da bin ich natürlich Partei - ist ein guter Podcast so ne Art schnelles Mini-Feature." Gut, dann bin ich hier auch mal Partei. Als freie Journalistin, die nebenbei drei eigene Podcast-Produktionen hat, kann ich sagen: Das mag eine persönliche Präferenz sein, aber als pauschales Postulat kann ich das so nicht stehen lassen. Es gehört einfach so viel mehr dazu. Viele Podcasts erscheinen mehr oder weniger regelmäßig. Ihre Presenter:innen begleiten die Hörerschaft über längere Zeiträume. Der Drosten-Podcast ist dafür ein perfektes Beispiel. Der Virologe hat einfach viele von uns täglich an die Hand genommen, um mit uns gemeinsam durch diese Krise zu tapsen. Vorsichtig. Einen Schritt vor den anderen setzend. Fehler machend. Fehler eingestehend. Reflektierend. Differenzierend. Auf aktuelle Entwicklungen reagierend. Das ist genau das, was viele Feature-Produktionen nicht liefern. Sie erzählen uns gute Geschichten, sie unterhalten uns, sie entführen uns in andere Welten. Aber wenn sie erscheinen, sind sie bereits fertig. Sie entwickeln sich nicht weiter. Ein wirklich guter Podcast geht mit uns zusammen durchs Leben. Er entwickelt sich mit uns. Die Köpfhörer machen die Protagonist:innen zu den Stimmen in unseren Köpfen. Und genau da, wo Leben komplex ist oder schwierig oder tabuisiert oder marginalisiert, genau da ist das Gespräch, das "Gequatsche", wie Tom Schimmeck es nennt, ein Anker in turbulenten Zeiten.* Tom Schimmeck: "Ich finds einfach schade, wenn die Aufmerksamkeit, die gebraucht wird, um der Gesellschaft zu erklären, was geschieht und mit ihr auch in Diskurs zu treten, durch ne Zerlaberung von Wirklichkeit, die relativ ambitionslos ist, verschwendet wird." Ich für meinen Teil finde es schade, dass das Gespräch so sehr aus dem öffentlichen Raum verschwunden ist. Dass wir so viel ÜBER Menschen sprechen und so wenig MIT ihnen. In einem gebe ich Tom Schimmeck aber dann doch uneingeschränkt recht: Ja, lasst uns, die Radioprofis, mehr Hirnschmalz, Personal und Geld darauf verwenden, wie wir das Gespräch auf ein neues Level heben können. Erste vielversprechende Produktionen gibt es längst: Zum Beispiel "Der Anhalter" von Sven Preger und Stephan Beuting, "Mensch, Mutta" von Katharina Thoms, "180 Grad - Geschichten gegen den Hass" von Bastian Berbner oder "Der erste Tag der AfD", das Abschlussprojekt der Volontär:innen des Bayerischen Rundfunks. Aber ich möchte auch eine Lanze brechen für das Labern. Denn es erdet. Uns alle. Und schafft Raum zum Mit- und Nachdenken. *Ergänzung: An dieser Stelle sei explizit der Podcast "Halbe Katoffl" von Frank Joung erwähnt, sozusagen der Vorreiter unter den migrantischen Podcasts, sowie die Formate "Rice and Shine" von Minh Thu Tran und Vanessa Vu und "Kanackische Welle" von Malcolm Ohanwe und Marcel Nadeem Aburakia.
Gesendet in SWR2: 02.08.2020
Upload Datum: 22.07.2020

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Zum Autor: freie Journalistin und Podcasterin

Website: http://www.norahespers.de

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FeatureDas Gespräch schließt Lücken - Eine Replik22.07.2020